Tausend Träume….

Mit-dem-schulbus-nach-alaska
Mit-dem-schulbus-nach-alaska

Quietschend dreht sich die rostige Schraube aus der Halterung, die Mutter fällt mit einem trockenem „Plopp“ auf den staubigen Boden und die erste Lehne wackelt.

Braunes Leder schält sich von der metallenen Wand, nur ein dicker Batzen rosafarbener Kaugummi leistet eine Zeit lang Widerstand, zieht sich zwischen Metall und Rückenpolster zu einem Faden, wird länger und länger, bis er wieder zu einem kleinen farbigen Fleck auf der silbernen Wand mutiert. Dreißig Jahre Schulweggeschichte verbirgt sich zwischen abgewetztem Leder und rostigem Metall, Glück und Sorgen, verliebte Blicke und Teenagerträume, gut versteckt unter Bergen von Batterien, klebrigen Kaugummi, Bonbonresten und zerrissenen Spickzetteln.

Begeistert turnen die Mädchen durch den immer leerer werdenden Schulbus, klettern über die letzten Sitze und sammeln Erinnerungen: Die Anstecknadel einer Fluglinie in Form eines Adlers, rostige Geldstücke aus alten Zeiten, Zettel mit unverständlichen Wortresten, rosafarbene Haarbänder und vieles mehr und es fällt uns nicht schwer sich zu jedem Gegenstand die passenden Kinder auszudenken.

Der Anstecker für den kleinen Jungen, der schon immer Pilot werden wollte, die Haarbänder an den festen Zöpfen eines Mädchens mit passendem Tüllröckchen und der Bub reicher Eltern mit sauber gekämmtem Seitenscheitel, der nicht einmal merkt, dass ihm jeden Tag eine Münze aus der Hose rutscht. Tausende von Kindergeschichten zwischen den Wänden unseres Schulbusses, tausend Träume für die hellen Sommernächte in Alaska.

Nach nur wenigen Stunden ist der Bus leer, leer und sauber ausgekehrt und bereit mit Neuem gefüllt zu werden.

Doch für Heute ist es erst einmal genug.

Der Himmel hat sich in einem dunklem rot gefärbt, das rostige Grün des Oldtimers, der inmitten einer abgemähten Wiese schon seit Jahren auf seinen Besitzer zu warten scheint, vermischt sich immer mehr mit dem Farbton des Grases und die ersten Mücken fliegen zuckend zwischen unseren Köpfen.

Für heute haben wir genug geschafft und der Jetlag macht sich langsam bemerkbar, uns allen fallen die Augen zu und vor allem Emma und Paula können sich kaum mehr auf den Beinen halten.

Zuhause bei Chris und Margo fallen wir in die Betten, wühlen uns unter die warmen Deckenberge und sind im Nuh im Land der Träume.

 

 

 

Endlich in Chewelah…

Als ich zum ersten Mal die Augen öffne, ist es draußen noch stockfinster, nur das schummrige Licht zweier Straßenlaternen wirft einige verschwommene Schatten in unser Zimmer. Die roten Ziffern der Digitalweckers zeigen 11.30 örtlicher Zeit, also halb neun in Deutschland und die Kinder wälzen sich unruhig in den Betten. Laika dagegen schläft wie ein Stein neben einem abgewetzten Sessel in der Ecke und schnarcht rasselnd wie ein Kettenraucher.

Die Nacht ist warm und der Duft frischen Flieders weht durch das geöffnete Fenster, während vor dem Hotel ein einsamer Hund mit seinem Herrchen seine Runden dreht blinkt gegenüber die Leuchtreklame einer Tankstelle.

Erinnerungen der letzten Reise durch die USA schwirren durch meinen Kopf, viel Vergessenes ist plötzlich wieder da und lang Verdrängtes wird mit nur einem Schluck wieder zur Realität: Leitungswasser schmeckt nach Schwimmbad, ohne Chlorfilter nicht trinkbar und erst ein Gang zur Tanke schafft unserem nächtlichen Durst mit einer Gallone Quellwasser Abhilfe.

Auch die dazu gekauften Sandwiches lassen Erinnerungen wach werden, das Preisniveau ist hoch und die Qualität fragwürdig. Trotz eines stolzen Preises von über 5 $ schmeckt das italienische Geflügelsandwich eher nach Pappe und schlechtem Senf als nach einem mediterranem Genuss.

Zwei Grauhörnchen balancieren inzwischen vor unserem Fenster über die gespannten Telefonleitungen in Nachbars Garten und über uns leuchtet der Schneebedeckte Gipfel des Mount Rainier. Selbst hier inmitten der Stadt scheint ein Teil der Wildnis seinen Platz zurück zu fordern und trotz des schlechten Geschmackes im Mund ergreift mich plötzlich ein Gefühl des Abenteuers. Ungezähmte Tiere, ein Stückchen Wildnis im Zentrum von Seattle und wir sind endlich mitten drin.

Leihwagen in den USA

„Emercency call….emercency call…one second!”

Neun Uhr am nächsten Morgen:

„Emercency call…Hallo…“

Zusammengepfercht sitzen wir im neuen Leihwagen, der letzte Koffer klebt zwischen Hundebox und Wagendecke und nur Laikas hektisches Schnaufen unterbricht die monotone Stimme die aus den Lautsprechern schnarrt.

„emercency call….how can I help you?”

Gerade wollten wir uns auf den Weg nach Spokane machen, von dort sollten uns Chris und Margo nach Chewelah zu unserem Schulbus fahren.

„…how can I help you…?“

Die  Stimme bekommt langsam einen deutlich fordernden Unterton und will partout nicht aufhören zu sprechen, selbst ein hektisches Drücken aller Knöpfe kann daran nichts ändern, anscheinend haben wir beim Einstellen des Rückspiegels die falsche Taste erwischt…die „emercency call Taste“.

„…Hello….?“Unterwegs über die Cascades

„Äääähhhh….this was a mistake….“ einige gestammelte Entschuldigungen später fahren wir auf dem Highway in Richtung Osten, über die Schnee bedeckten Gipfel der Cascades weiter bis nach Spokane, mit Chris und Margo bis nach Chewelah und endlich, endlich sind wir da.

Groß und leuchtend sticht unser neues Zuhause aus dem frisch sprießendem grünen Gras, die schwarz gelbe Schnauze des International thront  hummelgleich über den roten Blüten einiger Tulpen und scheint nur auf uns gewartet zu haben.

…welcome home… Unser amerikanischer Schulbus