Williams Lake

Juli, 01, Freitag, Kanada, Kilometerstand: 226 084
Vier Tage später :
Staub spritzt auf, in einem hohen Bogen fliegt der Cowboy nur wenige Meter vor uns auf den harten Boden, es knackt unangenehm und auf allen vieren krabbelnd versucht er aus der Reichweite der verzweifelt schlagenden Hufe zu kommen. Jetzt scheinen seine Beine den Dienst zu verweigern. Nur auf seine Ellenbogen gestützt schleppt er sich vorwärts, das Gesicht verzerrt, der kurze Augenblick, der nur wenige Sekunden gedauert haben kann, kommt uns vor wie Stunden. Dann endlich rennen die Sanitäter, der Clown in seinen viel zu weiten Hosen hüpft in die Arena und trällert Witzchen für das Publikum, versucht die Blicke von dem Drama, dass sich hinter ihm abspielt abzulenken.
Williams Lake, Stampede…das zweit größte Rodeo Nordamerikas, lasse ich mir erzählen, zumindest das wichtigste in BC, sei hier in dieser kleinen Stadt am Cariboo Highway zu finden, in der wir seit zwei Tagen unser Lager aufgeschlagen haben. Nach der ganzen Aufregung in der „Wildnis“ schien ein Ausflug in die nächste Stadt eine gute Idee zu sein.
Musik dröhnt plötzlich in voller Lautstärke, Queen :….we will, we will rock you….ein Beben fährt durch das Publikum, alles klatscht im Takt und die Stimme des Ansagers verkündet die Attraktion des Abends:
„Now ……Bull riiiiiiiiding…..“

Die Menschen um uns beginnen zu jubeln, alles tobt und kreischt, an den verletzten Reiter wird kein weiterer Gedanke verschwendet, während der Bulle wild bockend zwischen die aufgestellten Barrikaden stürmt und ein neuer Cowboy auf seinem Rücken verbissen gegen die Schwerkraft kämpft.
Ohne größere Zwischenstopps oder Pannen waren wir die letzten Tage von Narkusp über Revelstoke und Kamloops auf den Cariboo Highway gestoßen und waren ein ganzes Stück nach Norden vorgedrungen. Der Bus lief und wir wollten unser Glück nicht zu lange auf die Probe stellen, immerhin wollten wir noch vor Wintereinbruch nach Alaska kommen und mit dem ersten Schnee konnte man hier auf einigen Straßen schon ab Anfang September rechnen. Jetzt hatten wir immerhin schon den ersten Juli. Acht Wochen waren nicht zu viel Zeit für einmal Deadhorse und zurück, vom „Ende der Welt“ trennten uns momentan noch ca. 2800 Meilen davon 500 Meilen schlechte Schotterpiste. Hier in Williams Lake hatten wir uns erst einmal eine kurze Pause gegönnt und waren so durch Zufall mitten in ein Rodeo gestolpert.
Der Bulle wirft die Beine in die Luft, dreht und wendet sich, bäumt sich auf und buckelt, aber der Reiter lässt sich diesmal nicht abschütteln. Dann ein „Tröten“, die zehn Sekunden sind um, der Champion springt ab und nach einem letzten Aufbäumen trabt der Bulle aus der Arena.
Eine Attraktion jagt die nächste, vom Cowgirl Race über Kälbchen fangen und Wildpferd zähmen, vor dem Stadion sägt ein Künstler mit der Kettensäge Eulen und Bären aus abgelagerten Baumstämmen und die „Stampede Queen“ wandert strahlend durch die Menge, verteilt handsignierte Fotos an kleine Mädchen und posiert für jede Kamera. Der Wilde Westen hautnah, könnte man meinen, würde da nicht die Hüpfburg aus Plastik und der „Biergarten“ das Bild stören, aber selbst dieser Trubel scheint authentisch und schon immer da gewesen.
Nach zwei Stunden dröhnender Musik jedoch, Pferdeschweiß, Cowboyhüten und fliegendem Staub, sehne ich mich zurück nach der Ruhe in der Wildnis. Noch ein Weilchen verharren wir zwischen einer Gruppe „native Americans“, die ein wenig abseits von der Menschenmenge die Aussicht auf die Arena von einem Weg über den Viehweiden genießen, dann machen wir uns langsam auf den Weg zurück zu unserem Bus, zurück nach Hause.

 

 

How to be bear aware….

Juni, 27, Sonntag, Kanada, Kilometerstand: 225 717

Ein Wanderer nähert sich dem Trail, aus dem ich gerade noch gestürzt bin, verschwindet mit seinen beiden großen Hunden im Dunkel des kanadischen Waldes und kurz überlege ich ihn zu warnen, aber meine Füße spielen nicht mit. Mein Herz rast noch immer, die Knie schlottern, noch einmal werde ich diesen Wald nicht betreten, soviel ist sicher. Fürs erste ist der Weg ja frei von Bären…die sind gerade erst im Dickicht verschwunden.
Selbst am Nachmittag habe ich die Begegnung noch nicht ganz überwunden, ständig spielen mir meine Augen Streiche und überall scheinen riesige Untiere zu lauern, entfernen sich die Kinder einmal zu weit vom Bus bekomme ich die Panik.
Doch nicht nur die Bären bereiten uns Kopfzerbrechen, auch der Bus macht uns gerade Sorgen. Zwar haben wir in Narkusp den passenden Ersatz für die leckende Dieselleitung gefunden, aber der Wechsel gestaltet sich schwieriger als gedacht. An die Schrauben ist mit unserem Werkzeug kaum zu kommen und um den ganzen Schlauch von der Dieselpumpe zum Motor zu wechseln müsste zu viel zerlegt werden. Schweren Herzens entscheiden wir uns also, es bei der provisorischen Abdichtung zu belassen, auch wenn die verwendete Dichtmasse nicht unbedingt für Diesel geeignet ist, wird schon noch halten, hoffen wir.
Doch schon an der nächsten Rest Area erwartet uns eine böse Überraschung…wieder eine Pfütze unter dem Bus, diesmal ist es das Getriebe und langsam beginnen wir uns zu fragen, ob wir wohl jemals unser Ziel erreichen werden. Immerhin trennen uns von Prudhoe Bay noch einige tausend Kilometer, ob das unser alter Bus wohl noch durchhält? Was wenn er mitten auf dem Dalton Highway nicht mehr weiter will, und wir inmitten im „Niemandsland“ zwischen Grizzlys, Wölfen und wilden Elchen stranden?
Für den Fall studiere ich mit den Kindern das „Einmaleins für Bärenbegegnungen“…Be bear aware…
Zuerst kommen wir zu den Mythen, nett aufgeteilt in einem blau markierten Kästchen:
1. Gefütterte Bären sind zahm: FALSCH. Gefütterte Bären sind gefährlicher als wild lebende, weil sie erwarten vom Menschen gefüttert zu werden.
2. Schwarzbären sind nicht gefährlich: FALSCH. Schwarzbären sind genauso gefährlich für Menschen und Eigentum wie andere Bären.
3. Bären können nicht bergab rennen: FALSCH. Bären sind sehr gelenkig und können schnell bergab rennen.
4. Bären sind langsam: FALSCH. Bären können kurze Strecken mit hoher Geschwindigkeit zurücklegen (bis über 50km/h)
5. Bären können nicht schwimmen: FALSCH. Bären sind ausgezeichnete Langstreckenschwimmer.
Na das fängt doch schon mal sehr aufbauend an…
Was machen Sie, wenn ein Bär auf Sie zukommt? Langsam geht’s also ans Eingemachte:
Ein Bär der auf Sie zukommt, versetzt Sie in eine ernst zu nehmende Lage (wer hätte das gedacht!). Bleiben Sie ruhig und machen Sie ihr mitgeführtes Abwehrmittel zum Einsatz bereit (Abwehrmittel sind im Absatz vorher beschrieben: Bärspray oder Schusswaffen, bei Flinten mindestens Kaliber 30, die Möglichkeit nichts davon zu haben steht nicht zur Debatte). RENNEN SIE NIEMALS WEG! (Sag das mal meinen Beinen!), außer Sie können einen sicheren Aufenthaltsort erreichen. Zur Erinnerung: Einen Baum zu erklettern ist keine Garantie für Sicherheit. Behalten Sie ihren Rucksack auf, er könnte ihren Rücken und Nacken schützen (das sind ja rosige Aussichten).
Doch am interessantesten wird erst die letzte Seite:
Ein Zusammenstoß wird erst als Attacke bezeichnet, wenn der Bär Sie berührt.
WICHTIG: Ein defensiver Bär greift an, um eine Bedrohung abzuwenden. Bei einem defensiven Angriff ….stellen Sie sich tot.
Ein beutegieriger Bär will Sie fressen. Wenn er angreift stellen sie sich niemals tot, sondern kämpfen Sie und geben Sie nicht auf…Sie kämpfen um ihr Leben!
Na, da kann man ja nur hoffen, im Ernstfall richtig zu tippen und darauf vertrauen, dass der defensive Bär nicht plötzlich Hunger bekommt!
Die Mädchen finden es auf jeden Fall spannend und sind fast schon enttäuscht, als Tom fürs erste Entwarnung gibt.
Das Getriebe ist soweit in Ordnung, vorerst werden wir wohl nicht stehen bleiben und die praktische Erprobung unserer Selbstverteidigung bleibt uns zumindest für die nächsten Fahr-Tage erspart.