Ein „Mords“- Fundstück

Kanada, Kilometerstand: 226 807
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ die Stimme die aus dem Lautsprecher knarrt, klingt freundlich interessiert, und gespannt hole ich noch einmal Luft bevor ich weiter spreche:
„Wir haben eine Waffe gefunden….“
Gemeinsam stehen wir in dem gläsernen Vorraum der Polizeistation von Whitehorse, eingepfercht in etwas mehr als einem Quadratmeter, als Ansprechpartner nur das löchrige Blech eines alten Lautsprechers.
„Was für eine Waffe?“
„Einen Revolver.“ Der interessierte Tonfall hat inzwischen eine leicht gestresste Nuance.
„Ok. Wo ist der Revolver jetzt?“
„Hier in dieser Schachtel!“ Ich zeige auf den kleinen Schuhkarton, den Tom auf dem Arm hält und inzwischen starren wir alle wie gebannt auf die Kamera, die sich mit einem leisen Rattern über unseren Köpfen dreht.
„Stellen sie den Karton in eine Ecke und gehen Sie ein paar Schritte zurück.“
Ein Gesicht taucht nun hinter der Glastür auf, ein junger Polizeibeamter nimmt vorsichtig den abgestellten Schuhkarton, lotst uns in ein weiteres kleines „Vorkämmerchen“ der Polizeistation, während er den Deckel der Schachtel öffnet und immer wieder den Kopf schüttelt.
Seit knapp einer Woche nun hatten wir die Pistole im Gepäck, eingepackt in mehreren Plastiktüten hatte sie neben dem Fahrersitz geschlummert und auf eine Entscheidung gewartet. Wohin nur mit einer Waffe?
Angefangen hatte alles nur wenige Tage vorher, in der Einsamkeit des Cassiar Highways, an einem grünlich schimmernden Fluss inmitten der kanadischen Wildnis….

Kreischend und zeternd flatternden die großen Kolkraben über der Boat Launch und stürzten sich immer wieder auf die über den felsigen Strand verteilten blutigen Brocken. In einer rötlichen Pfütze waren die letzten Köderreste aus der Bärenfalle geschwappt, die ein Ranger zum Säubern ins Wasser gefahren hatte, ein letzter Schwall Wasser klatschte auf den Boden und nur Minuten später verschwand der Pickup mit dem röhrenartigen Gebilde hinter der nächsten Kurve und wir waren wieder allein, allein mit uns und unseren Gedanken, allein zwischen Bären, Wölfen, Berglöwen und Elchen.
In Rekordschnelle hatten wir in den letzten Tagen die vielen Kilometer bis Prinz George hinter uns gebracht, waren über Vanderhoof, Ford Fraser und Smithers bis zum Cassiar Highway vorgestoßen und nun endlich auf dem direkten Weg nach Norden. Und zum ersten Mal, seit dem Beginn unserer Reise hatten wir wirklich das Gefühl alleine zu sein, viele Kilometer entfernt von der nächst` größeren Siedlung, hunderte von der nächsten Stadt.
Unendliche Wälder umschlossen uns, leuchtendes Grün über Sumpfland, dazwischen gurgelnde Flüsschen und dichtes Gestrüpp in das verheißungsvoll prall gefüllte Beeren lockten. Soap Berries säumten die Straßen und Waldränder, leuchtendes Rot zwischen saftig grünen Blättern, und überall die lila Blüten der Weidenröschen.
An einem Fluss vor 40 Mile Flats hatten wir die erste längere Pause eingelegt, beobachteten nun gemeinsam die gewaltigen Kolkraben, die sich auf die letzten Köderbissen stürzten, und hofften, der Bär, der panikartig im Wald verschwunden war, würde es sich nicht wieder anders überlegen.
Bären schien es hier jede Menge zu geben, bisher war kein Tag vergangen an dem nicht mindestens zwei, meist Schwarzbären, unseren Weg gekreuzt hatten, vor allem bei den Soap Berries trafen wir immer wieder auf die pelzigen Kolosse.
Heute schien seit langem endlich wieder die Sonne, wir genossen die schon fast vergessene Sommerwärme, während die Kinder am sandigen Flussufer zwischen den kreischenden Vögeln tobten und über die unzähligen Steine kletterten. Nach den vielen Fahrttagen konnten wir die Pause wirklich gebrauchen, es tat gut mal etwas anderes als den tuckernden Dieselmotor zu hören, das Rauschen des Flusses war eine willkommene Abwechslung.
Plötzlich schien sich das Sonnenlicht zu brechen, ein Strahlen blendete mich, dazu eine jauchzende Kinderstimme:
„Schaut mal was ich gefunden habe!“
Begeistert streckte uns Emma ihre Hände entgegen, auf denen ein sperriges „Etwas“ ruhte, dunkel schwarz, umgeben von einem seidig metallenem Glänzen:
„Eine Spielzeugpistole.“
Ich zog ihre Hand näher und betrachtete den Griff, auf dem man deutlich einen Markennamen erkennen konnte: P.BERETTA, darüber drei Pfeile.
Verschlafen rieb ich mir die Augen und nahm Emma den Revolver aus der Hand. Puh, zum Glück nicht geladen. Außerdem schien ein Teil zu fehlen, aber nur wenige Minuten später hatten die Mädchen auch den Rest gefunden und vor uns lag eine komplett zerlegte BERETTA, inklusive einem Sack neuer Patronen.
Wie kam die hierher?
Unauffällig musterte ich den Fluss, ob nicht auch gleich ein Teil des Besitzers aus den Fluten tauchen würde, plötzlich hatte ich das Gefühl, in einem Krimi zu spielen, ohne das Drehbuch zu kennen.
Hatte jemand die Waffe verloren, wenn ja wie? War sein Boot gekentert oder war die Waffe ins Wasser gefallen, als der Besitzer gerade danach greifen wollte? Hatte ihn ein Tier angefallen oder war er gar Opfer eines Verbrechens geworden?
Was wenn jemand die „Knarre“ hatte loswerden wollen?
Und was sollten wir jetzt nur damit anfangen?
Tom hatte einen Stapel Tüten aus dem Bus geholt und begann alles sorgfältig zu verpacken, Stück um Stück, verschwand ein Teil nach dem anderen in einem unförmigen Plastikmantel und landete auf einem kleinen unauffälligem Stapel neben dem Fahrersitz.
Morgen würde uns schon was einfallen….

„Wo haben Sie die Waffe denn gefunden?“
„An einem Fluss vor 40 Mile Flats“
Er schüttelt wieder den Kopf und kann es entweder nicht fassen, dass wir eine Waffe gefunden haben, oder dass wir sie direkt zur Polizei gebracht haben.
„Noch einmal vielen Dank, dass Sie die Pistole zu uns gebracht haben! Anhand der Seriennummer können wir jetzt Nachforschungen anstellen.“
Nachdem er unsere Namen und die Adresse notiert hat, schüttelt er uns ausgiebig die Hände und gibt uns noch ein Versprechen:
„Sobald wir etwas herausgefunden haben, werden wir Sie benachrichtigen.“

Brrr…kalt….

 

Kanada, Kilometerstand: 226 230
Mit einem Nerven aufreibendem Quietschen und völlig außer Takt wischen die zwei Wischblätter über die geteilte Frontscheibe, drängen das Regenwasser in Sturzbächen auf die Seite und geben durch einen feuchten Schleier den Blick auf die Straße frei. Dichter Nebel zieht sich vom Teer bis zu den Baumwipfeln, dunkle Schatten am Straßenrand lassen sich nicht kaum mehr in Tier und Pflanze unterscheiden und die gerade einsetzende Dämmerung verschluckt auch noch das letzte Bisschen Sicht.
Eine Pfütze sammelt sich langsam auf der ersten Treppenstufe dazu steht das Wasser in den Fenstergummis und durch die hintere Türe kommen Stoßweise ganze Bäche von Spritzwasser.
Paula, in eine dicke Decke gehüllt, schaut unheilvoll aus dem Fenster.
Die Heizung funktioniert nicht, natürlich, und die feuchte Kälte zieht uns langsam in die Knochen.
„Zuhause war`s gemütlicher!“ Vor Paulas Mund bildet sich ein leichter weißer Nebel, die Scheibe vor ihrem Gesicht beschlägt und sie beginnt mit ihrem Finger ein Bild darauf zu zeichnen.
Gestern noch hatten wir vom Winter in Alaska geträumt, weißen Gipfeln und knirschendem Schnee, doch jetzt, umgeben vom trüben Grau sehnen wir uns nach der wärmenden Sonne des Sommers, auch wenn die Worte unserer neuen Bekannten aus Alaska einen gewissen Zauber hinterlassen haben.
Kurz nach dem Rodeo hatten wir in Williams Lake eine Familie aus Juneau getroffen und auch wenn wir bis dahin die Hauptstadt Alaskas noch nicht besucht hatten, hatten uns die Bilder der umgebenden Natur schon immer begeistert, eine kleine Oase der Zivilisation inmitten des größten Wildnis Gebietes der USA.
Während der Regen noch immer gegen die Fenster klatscht, muss ich an ihre Begeisterung für den Winter denken, trotz einer für uns kaum vorstellbaren Kälte.
„Die Stille ist unglaublich!“ Ich sehe Gletscher vor meinen Augen entstehen, stelle mir das geheimnisvolle blaue Leuchten der riesigen Eisflächen vor, während ich den Erzählungen lausche, sehe Wale aus den Fluten steigen und Berge von Schnee, die bis an die schäumenden Wellen reichen.
„Bei uns kannst du sogar die Schneeflocken fallen hören!“
Auch sie waren unterwegs, unterwegs wie wir in einem ausgebauten Schulbus, nur in die entgegengesetzte Richtung….den restlichen Sommer wollten sie mit ihren beiden Töchtern im Süden verbringen, wir dagegen im hohen Norden.
Die Tropfen trommeln einen leisen Rhythmus, während wir aus dem Fenster starren, kleine Brachflächen rauschen an uns vorbei im Wechsel mit dichtem Gebüsch und plötzlich bricht die Sonne verheißungsvoll aus einem schmalen Spalt in der Wolkendecke, vertreibt den feuchten Dunst über der Straße für einen kurzen Augenblick. Da sehen wir ihn:
Grau, schlank, die hellen Augen in einem wuchtigen Schädel. Ein Wolf steht direkt neben uns im Straßengraben, schüttelt das Wasser in einem dichten Sprühnebel aus seinem Fell. Dann hebt er die Schnauze in die Luft, wittert, verschwindet mit einem leichten Trab hinter dem nächsten Hügel. Und obwohl gleich darauf die Sonne wieder dem trüben Grau weicht, haben wir das schlechte Wetter zumindest für einen Augenblick völlig vergessen.