Noch ein Versuch

Kanada, Kilometerstand: 227 347

Die letzte Schraube sitzt, die neue Pumpe sitzt wie ein Fremdkörper im Motorraum und strahlt hell gegen den Rost. Tom klopft nervös mit den Fingern aufs Lenkrad und steckt den Schlüssel ins Zündschloss.
Den letzten Tag hatte er vor und unter der Motorhaube verbracht, hatte geschraubt und Riemen gewechselt, getüftelt und überlegt und jetzt endlich war der bedeutende Augenblick gekommen.
Langsam dreht er den Schlüssel…nichts….der Motor gibt kein Geräusch von sich, unheimliche Stille breitet sich über den Bus während Tom frustriert gegen das Armaturenbrett boxt. Dann springt er nach draußen und starrt finster in den Motorraum.
„ Ich versteh es nicht! Es muss einfach funktionieren!“
Die letzte Woche war schnell vergangen, fast zu schnell, doch wenn wir noch länger warten müssten, würde uns die Zeit endgültig knapp werden. Selbst hier in Whitehorse waren einige Nächte schon recht kühl gewesen und bis zu unserem ersten Wärmefeuer im Bus würde es wohl nicht mehr allzu lange dauern.
Mit einem unguten Gefühl im Magen blicke ich nach draußen…der Bus musste einfach laufen…
Doch Tom scheint schon eine Idee zu haben. Er wackelt an einer Steckverbindung, rammt einen locker sitzenden Stecker fester ins Gehäuse, dann steigt er wieder in den Bus, sinkt auf den Fahrersitz und versucht zu starten.
Ein Röhren dringt aus dem Motorraum, dann ein gleichmäßiges Tuckern, der Motor läuft und im ganzen Innenraum verbreitet sich ein angenehmes Vibrieren. Unser rollendes Zuhause scheint wieder fahrbereit zu sein und uns ist zum Jubeln zumute, jetzt konnten wir es kaum noch erwarten nach Alaska zu kommen, bis weit hoch in den Norden. Ein letztes Mal holpert der Bus über die Einfahrt, noch einmal winken….und der Bus fährt…noch immer.
Emma lächelt versöhnlich. Zwar mussten alle Huskys in Whitehorse bleiben, dafür hat sie aber einen neuen Plan:
„nach Alaska kommen wir hier doch wieder vorbei?“
Ich nicke zustimmend.
„Gut. Dann kann Gerry die Hunde noch ein wenig trainieren und dann nehmen wir auf dem Rückweg einen mit!“
Ihre Augen leuchten bei der Vorstellung.
Tom setzt den rechten Blinker, das gelbe Flackern im Rückspiegel fesselt für einen Moment die Aufmerksamkeit aller, dann wandern unsere Blicke auf das Straßenschild, das vor uns aus dem Straßengraben „wächst“:
DAWSON CITY verkündet es verheißungsvoll unser nächstes Ziel, dann verschwindet es hinter dem Bus, wird kleiner und kleiner und ist schon bald hinter der nächsten Kurve verschwunden.

Eine wunderbare „Zwangspause“

 

Kanada, Kilometerstand: 227 347
„300 $“ Darcy blickt uns fragend an und nach einem zustimmenden Nicken Toms spricht sie weiter ins Telefon:
„Okay. Dann bestellen wir die Wasserpumpe und außerdem alle dazugehörigen Riemen, ja die Nummern habe ich…einen Moment…“ Dann buchstabiert sie all die Zahlen, die Tom auf einem kleinen Zettel zusammengeschrieben hat.
Tags zuvor hatte Tom in nur einer knappen halben Stunde alle seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt gesehen. Tatsächlich war nicht der Kühler das Problem, auch kein undichter Schlauch, sondern, wie gleich zu Beginn vermutet die Wasserpumpe.
„Wie lange dauert das?“ Tom und ich hängen an Darcys Lippen
„vier Tage? Okay.“ Dann wendete sie sich an uns: „Er ruft an, wenn die Teile da sind!“
Zu unserem Glück hatte sich Darcy dazu bereit erklärt, die Telefonate mit dem Ersatzteilhandel für uns zu erledigen, meist fiel es uns nicht leicht, die verschiedenen Slangs am Telefon zu verstehen.
Wir atmeten auf. Vier Tage waren ein Zeitrahmen, den wir verkraften konnten, dazu die Reparatur. In insgesamt einer Woche hofften wir wieder unterwegs sein zu können.
Wie schon tags zuvor war mir wieder bewusst, wie viel Glück wir gehabt haben, genau zum richtigen Zeitpunkt hatte die Pumpe den Geist aufgegeben.
Was wenn wir die Panne schon mitten auf dem Dalton Highway gehabt hätten? Hunderte Kilometer ohne Siedlungen und Menschen, inmitten der Einsamkeit Alaskas?
Hier in Whitehorse dagegen hatten wir alles was wir für die Reparatur brauchten, Werkzeug, Übersetzungshilfe und da uns der Abschied sowieso schwer gefallen wäre, genießen wir jetzt die zusätzlichen Tage, die uns so „in den Schoss gefallen“ waren.
Neben uns ertönt lautes Gelächter. Emma und Paula haben Leo auf sein kleines Wägelchen gesetzt und versuchen gemeinsam den Bollerwagen durch die große Matschpfütze hinter der Werkstatt zu ziehen. Schlamm spritzt, die Reifen schwellen auf die dreifache Größe an und Leo scheint seinen Spaß zu haben, wir trinken in der Zwischenzeit gemütlich Kaffee.
Jetzt ist erst einmal Zeit für eine Pause…
Die nächsten Tage vergehen dann auch wie im Flug. Mit einem Motorboot erkunden wir den Yukon und den Lake Laberge, wandern durch eine alte „Indianersiedlung“, spielen mit Leo und den Huskys und erkunden in immer größeren Kreisen die Umgebung um unser gelbes Zuhause. Die Mädchen planen in der Zwischenzeit schon für die Wintermonate und ihre ersten Rennen:
„Wenn dann endlich Schnee liegt, fahren wir auch mit den Hundeschlitten, wie alt muss man überhaupt sein um beim Iditarod mitzufahren?“
Die Kälte, meinen Beide, sei überhaupt kein Problem und zumindest Emma ist sich sicher:
„Wenn ich groß bin, werde ich Musher! Und wenn wir schon wieder fahren müssen, nehmen wir am besten schon mal einen Husky mit!“

Der Bus kränkelt

 

Kanada, Kilometerstand: 227 347
Erleichtert kommen wir aus der Polizeistation, doch unser Hochgefühl wird nach einem Blick auf den Schulbus schon im nächsten Augenblick wieder gedämpft. Die vielen Kilometer sind nicht ohne Spuren an unserem Mobile Home vorbeigegangen, zwar ist die Heizung inzwischen repariert, aber viele Kleinigkeiten haben sich langsam aber sicher zu einem Berg angehäuft. Ohne einen Boxenstopp werden wir wohl kaum bis nach Alaska kommen, geschweige denn auf den Dalton Highway. Was uns jetzt fehlt ist der geeignete Platz um die nötigen Reparaturen zu erledigen, ein Platz zum Erholen und zum Seele baumeln lassen, am besten in netter Gesellschaft.
Nur wenige Kilometer nach der Abfahrt in Richtung Dawson City rollen wir eine halbe Stunde später über eine löchrige Hofeinfahrt, BOYLEVILLE verkündet daneben ein grünlich verfärbtes Holzschild, die Buchstaben genagelt aus kleinen Ästchen. Boyle ville… Boyle… sofort drängt sich mir ein Bild auf, ein Bild von einem bunten Schulbus mit Ziegen auf dem Dach, vollgepackt mit einer Ladung Hippies. Star und ihre Freunde auf dem Weg nach Alaska aus T.C. Boyles Buch „Drop City“. Gemeinsam hatten sie sich von Kalifornien auf den Weg in den hohen Norden gemacht, um dort in den Weiten der Natur einen friedlichen Platz zum Leben zu finden.
Ein einsamer Hund beginnt zu heulen, dann ein nächster und noch einer, bis sich ein Chor duzender Stimmen zu einem jaulenden Begrüßungskonzert vereint, eine Meute Huskys springt aufgeregt durch ihren „Dogyard“, die Kobalt blauen Augen an unsere Schritte geheftet.
Wir hoffen, den friedlichen Platz zum Bleiben schon gefunden zu haben, hoffen hier in Boyleville, dem Zuhause von Gerry und Darcy, wenn auch nicht unser Leben, doch zumindest die nächsten Tage verbringen zu können, bevor wir uns, wie die Kommune aus dem Buch wieder auf den Weg nach Norden machen.
Schon vor Wochen hatten wir mit den Beiden Kontakt aufgenommen, hatten uns gefreut auf ein Wiedersehen nach langer Zeit. Kennengelernt hatte ich Gerry vor etwa 25 Jahren, damals hatte er in meiner Lieblingsdisco als Diskjockey gearbeitet, war kurz darauf nach Kanada ausgewandert und hatte dort als Musher Fuß gefasst. Schon mehrmals hatte er am Iditarod teilgenommen, einem der härtesten und längsten Hundeschlittenrennen, das über 1000 Meilen quer durch Alaska führt, und hatte mit seinen Hunden, bei diesem und auch anderen Rennen, immer wieder gute Plätze belegt. Inzwischen warteten an die 50 Huskys vor seinem Blockhaus auf ihr tägliches Training. Er hatte uns eingeladen ihn jederzeit zu besuchen, wir könnten bleiben solange wir wollen und jetzt war genau der richtige Zeitpunkt.
Noch immer rennen die Hunde hechelnd um ihre Hütten und Laika verkriecht sich ängstlich unter dem Tisch, die Kinder dagegen springen aufgeregt nach draußen.
Vor einer fast fertigen „Gästeblockhütte“ dürfen wir unser „Lager“ aufschlagen und noch während wir den Bus parken stürmen die Mädchen durch die ausgehobenen Gräben für Wasser und Strom, fantasieren sich in ein unterirdisches Labyrinth voller Geheimnisse und Abenteuer und auch Leo (der kleine Sohn von Gerry und Darcy) ist begeistert dabei.
Drei Tage genießen wir diesen wunderbaren Ort, erfahren Unmengen über Hundeschlitten, Husky Haltung und Fütterung, rennen mit den Welpen um die Wette, spielen mit Leo und ganz nebenbei wird der Bus gehegt und gepflegt (die Gasleitung muss abgedichtet werden, ein neuer Druckminderer besorgt, eine Spiegelhalterung geschweißt, ein Reifen geflickt, der Ölwechsel ist fällig, und abgeschmiert werden muss auch…). Am dritten Tag ist es dann soweit, alle Arbeiten sind erledigt und wir können das nächste Stück nordwärts wagen, können wieder ein Stück weiter in die Wildnis vordringen, weiter nach Alaska.
Trotz allem fällt uns der Abschied schwer, die Mädchen können sich kaum von den Hunden und Leo trennen und auch wir genießen die nette Gesellschaft. Doch die Zeit drängt. Immerhin ist es inzwischen Mitte Juli und wenn wir es im Sommer noch auf den Dalton Highway schaffen wollen, sollten wir uns langsam beeilen, denn immerhin fehlen uns bis dahin noch an die 2000 Meilen.
Der Motor tuckert und die Mädchen winken, während Tom zum letzten Mal vor der Abfahrt um den Schulbus läuft, dann plötzlich ein Schrei:
„Mach den Motor aus, schnell“ erschrocken ziehe ich den Hebel, bis der Motor erstirbt.
„Alles voller Kühlwasser…“ er schüttelt den Kopf,
„Das sieht nicht gut aus, hoffentlich ist es nicht die Wasserpumpe!“