Am Ende des Alaska Highways

 

 

Alaska, Delta Junction,  Meilenstand: 228 029

„How can I help you?“

Eine blonde Frau in den Fünfzigern lächelt uns an, die Zahnspange die zwischen den Zähnen aufblitzt verleiht ihr den schüchternen Charme eines Teenagers.

„Haben Sie Karten von verschiedenen Wanderwegen?“

„Nein, tut mir leid, aber ich könnte Ihnen die Nummer eines Guides geben.“

„Oh, danke. Wir wandern lieber alleine!“, erwidert Tom mit einem entschuldigenden Lächeln.

„Mit den Kindern wissen wir nie wie weit wir kommen, da ist es immer besser jederzeit umkehren zu können!“

„Hm.“ Sie sieht uns etwas besorgt an und kneift dabei die Lippen zusammen,

„In welche Richtung fahren Sie denn?“

„Fairbanks und weiter nach Norden“ sagen wir beide wie aus einem Mund, immerhin haben wir uns vorgenommen, den Dalton Highway zu fahren. Von Fairbanks über den „Arctic Circle“ und weiter bis nach Prudhoe Bay am arktischen Ozean.

Für einen Moment wirkt sie etwas überrascht, fast als hätte sie das uns „Greenhorns“ nicht zugetraut, dann nach einem kurzen Blick auf die Karte, die vor ihr auf dem Tisch liegt, sagt sie bestimmt:

„Der einzige Weg, den ich da empfehlen kann ist der kurze Wanderweg um den Harding Lake, da kommen Sie direkt dran vorbei. Alles andere ist alleine nicht sicher!“

Sie streicht sich eine Strähne hinter das Ohr und räuspert sich.

„Der ist nur wenige Meilen lang, aber wenn sie eine Waffe dabei haben…“

„Wir haben keine Waffe!“

Schockiert reißt sie die Augen auf.

„Kein Gewehr, keinen Revolver?“

„Nein.“ Die Situation kommt mir nun doch etwas unwirklich vor. Mir ist zwar klar, dass Waffen in Amerika zum Alltag gehören, aber diese Dame scheint es wirklich ein Wenig zu übertreiben. Ich versuche mir das Grinsen zu verkneifen und Tom fügt leicht ironisch hinzu:

„Ich hab ein Taschenmesser, das hat bis jetzt immer gereicht!“ dabei klopft er sich auf die Hosentasche, doch die zierliche Frau schüttelt fassungslos den Kopf. Dann, nachdem sie sich wieder etwas gefangen hat, entgegnet sie, ohne weiter auf Toms Aussage einzugehen:

„Im Notfall geht es vielleicht auch mit einem Bearspray!“

Wir gucken uns nun doch etwas betreten an, sie scheint es wirklich ernst zu meinen und für einen kurzen Augenblick bereuen wir es fast, die „Knarre“, die Emma im Fluss gefunden hatte, zur Polizei gebracht zu haben.

„Haben wir auch nicht!“

Ihr Mund wird zu einem dünnen Strich, der alles Teenagerhafte aus ihrem Gesicht verschwinden lässt, plötzlich wirkt sie wie eine Oberschullehrerin, die uns am liebsten mit einem Rüffel nach Hause schicken würde. Doch bevor sie loswettert, holt sie noch einmal tief Luft, bemüht sich sichtlich die Ruhe zu behalten und schließt dann mit einem resignierenden Lächeln:

„Na dann bleiben Sie am besten immer in der Nähe Ihres Fahrzeuges!“

 

Wenige Minuten später stehen wir draußen vor dem Visitor center und starren noch etwas benommen auf das Denkmal, das sich vor uns erhebt. „End of the Alaska Highway“ steht dort in großen schwarzen Lettern, und obwohl es sich nur um das Ende einer Straße handelt, fühlen wir uns als hätten wir gerade das Ende der Zivilisation erreicht. Allein und verlassen, ausgesetzt zwischen wilden Tieren und unglaublichen Gefahren, noch dazu ohne Bewaffnung.

Wir werfen uns einen Blick zu und plötzlich müssen wir lachen, albern kichern wir bis uns die Luft ausgeht und das dumpfe Gefühl verschwindet aus meinem Magen.

„Die hat uns doch auf den Arm genommen.“ Sag ich grinsend und Tom nickt

„Und sie war gut…richtig gut!“

 

Vom Campingplatz aus waren wir durch die dichten Wälder weiter nach Chicken (Einwohnerzahl im Winter:2) gefahren, einer kleinen Ortschaft mitten im Nirgendwo, mit einer Tankstelle und einem Souveniershop und alleine die Vorstellung, durch unser Bleiben die Einwohnerzahl zu verdreifachen, hätte uns fast zu einem längerem Stopp verleitet.

Die alten Blockhäuser und der Saloon wirkten mehr als gemütlich und für einen kurzen Augenblick konnte ich mir durchaus vorstellen, hier einen frostigen Winter vor dem offenen Kamin zu verbringen, alleine in der Einsamkeit mit nichts als Schnee, Stille und einer Hand voll Huskys, die uns auf einem Schlitten durch die märchenhafte Landschaft ziehen würden.

Die Realität jedoch sah anders aus, soviel war uns klar. Eiseskälte, gesperrte Straßen, deprimierende Finsternis und endlose Einsamkeit, die meisten Bewohner versuchten vor dem Winter, wenn schon nicht in den Süden, dann zumindest in die Stadt zu kommen. Hier draußen in den Bergen bei bis zu minus 50 °C den Winter zu verbringen grenzte schon fast an Wahnsinn.

Über die schmale Schotterstraße, unter die sich inzwischen schon hin und wieder schlechter Asphalt mischte, machten auch wir uns  zumindest für ein kurzes Stück auf den Weg nach Süden, kamen wenige Meilen vor Tok auf den Alaska Highway, wandten uns wieder nach Nordwest und  nur wenige Stunden später hatten wir so Delta Junction erreicht.

Noch einmal waren wir ins Visitor Center zurückgekehrt, hatten den Ausführungen der „Blonden“ gelauscht und während wir uns einen frischen Kaffee in die Becher füllten, hatten wir kurz in die ungläubigen Gesichter der neuen Reisenden geblickt.

„Die Gefahren werden unterschätzt….“ hörte ich sie sagen,

„Es sterben jedes Jahr wesentlich mehr Menschen durch Elche als durch Bären…“.

 

Quietschend schwingt die Türe unseres Schulbusses nach innen und immer noch grinsend klettern wir über die hohen Stufen in unser sicheres Zuhause.

Tom lässt den Motor an und unser Vehikel zuckelt vom Parkplatz langsam zurück auf die Straße. Rechts und links kriechen die Häuser an uns vorbei, kurz darauf nichts als die dünnen langen Stämme der nördlichen Nadelbäume, dahinter die scharfen Umrisse der Alaska Range.

Schlaglöcher sind wie ein Gitternetz in die Straße gefressen und ein leichter Nieselregen setzt ein, aber ohne uns noch einmal beirren zu lassen, kriechen wir immer weiter in Richtung Norden.

In zwei Tagen werden wir in Fairbanks sein, einen Tag später auf dem Dalton Highway, ohne Bearspray und ohne Waffe. Doch zumindest im Moment störte mich das nicht im Geringsten.

Wo ist nur die Zeit geblieben?

 

 

Alaska, Kilometerstand: 227 793

Die Nacht war kurz gewesen, zu kurz für meinen Geschmack, aber die stetige Helligkeit Alaskas machte uns immer noch zu schaffen. Seit wir im hohen Norden unterwegs waren, waren die Kinder kaum einmal vor elf ins Bett gekommen und selbst um Mitternacht schien die Sonne noch so hell, dass man ohne Probleme ein Buch lesen konnte. Mehr als zwei Stunden Dunkelheit war nicht zu haben, und ich war mehr als froh darüber, dass wir die dicken „moving blankets“ als Vorhänge gewählt hatten.

Heute jedoch hatten selbst die nichts mehr geholfen. Um fünf Uhr früh waren Emma und Paula aus den Betten gesprungen und erwartungsvoll an den gedeckten Tisch gehüpft. Ich hatte mit zusammengekniffenen Augen das Teewasser aufgesetzt und die Streichholzschachtel gezückt.

„Heute kann es regnen, stürmen oder schneien….“

Verschlafen und mit noch etwas kratziger Stimme setze ich zu singen an, Tom der noch im warmen Bett liegt, gräbt seinen Kopf zwischen die Decken und stöhnt leise, dann beginnt auch er zu brummen:

„…denn du strahlst ja selber, wie ein Sonnenschein….“

Der Kuchen, der in der Mitte auf dem Tisch steht, flackert im Kerzenlicht, heute am 27. 08 feiern wir die Geburtstage der Mädchen und ich frage mich wieder einmal wo die ganze Zeit hin verschwunden ist.  Acht und zehn Jahre… und dabei waren sie doch  gerade noch so klitzeklein und so zerbrechlich.

Während ich beiden ein großes Stück Kuchen auf die Teller lade, muss ich an die letzten Jahre denken, an vergangene Geburtstagsfeiern überall auf der Welt. Da war zum Beispiel mein 35. Geburtstag im Iran, an dem mir ein Freund einen Kaffee mit verbotenem Likör kredenzt hatte, der 2. und 4. von Emma und Paula im sibirischen Altaigebirge mit Kasperltheater aus dem Lkw, Sarahs 16. Geburtstag am Lagerfeuer in Russland und einem halben russischen Bier, gebackener Kuchen bei Freunden in Kanada und anstoßen auf Toms 40. neben den gebärenden Walen in Ojo de Liebre/Mexiko.

Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Draußen steigt leichter Nebel über die Wiesen und wirft einen zarten Schleier über das dichte Grün, die dicken Blaubeeren locken reif unter den schimmernden Tropfen des Morgentaues.

So viele Feiern an so vielen wunderbaren Orten auf der Welt und ich frage mich unwillkürlich, wo wohl der nächste Geburtstag stattfinden wird.

Emma und Paula haben sich in der Zwischenzeit auf die Geschenke gestürzt, reißen das Papier von Kuscheltieren und Spielen und schlürfen dabei heißen Kaba aus großen Tassen.

Durch das offene Fenster dringt frische Luft in unser kleines Zuhause und das Kerzenlicht wirft flackernde Schatten in den Rest Dunkelheit zwischen den dichten Vorhängen. Die fluoreszierenden Sternchen über unserem Bett hauchen ihr letztes schwaches Licht in den hellen Morgen und mit einem herzhaften Gähnen binde ich die  dunklen Decken vor den Fenstern nach oben.

„Guten Morgen, Alaska.“ Die Sonne strahlt und die Vögel zwitschern. Was für ein Beginn für einen neuen Tag….und…. für ein weiteres Jahr auf dieser wunderbaren Welt!“

Endlich in Alaska

 

 

Alaska, Kilometerstand 227 793

Obwohl es draußen noch nicht dunkel ist fühle ich mich nicht ganz wohl auf dem engen geschotterten Weg. Eine steile Kurve führt irgendwo ins Nichts, rechts und links dichtes Buschwerk, das geisterhaft blass wirkt unter dem Staub der trockenen Straße. Äste wippen über uns, ausgefahrene Rillen zwischen dichten Gestrüpp, uns ergreift das Gefühl irgendwo im Brasilianischen Dschungel gelandet zu sein, keine Menschenseele weit und breit.

Darcys Geschichten kribbeln im Hinterkopf, am Abend vor der Abfahrt hatten wir noch „Horrorgeschichten“ ausgetauscht, eine ihrer Erzählungen über die nächtliche Fahrt ihrer Freunde war mir besonders gut im Gedächtnis haften geblieben.

„It was getting dark…but the moon was shining bright…“, ich konnte ihr Gesicht vor mir sehen, hörte ihre leise eindringliche Stimme.

„They came around a corner and there was something on the street, but they couldn`t stop. It was a roadkill…”

Ich sah die Geschehnisse wie in einem Film vor mir ablaufen: Das Auto, das tote Tier über das ihre Freunde in der Dunkelheit rollten, den Schock in den Gesichtern. Ich sah das Auto am Straßenrand, weißes Mondlicht auf dem dunklen Dach des Wagens. Dann die Wölfe. Riesige Geschöpfe, ein ganzes Rudel, das um das Auto schlich, Die langen Schnauzen, die das frische Blut schon von weitem gewittert hatten.

Eine Gänsehaut kriecht mir über den Rücken und ich merke wie mir kalt wird. Die langen Zweige scheinen plötzlich wie Finger nach uns zu greifen, lange Schatten tanzen über die schmale Straße.

Heute Morgen waren wir von Dawson City aufgebrochen, hatten die vielen Saloons und alten Holzhäuser aus der Zeit des Goldrausches hinter uns gelassen und uns über den Sagen umwobenen „Top oft the world Highway“ in Richtung Alaska auf den Weg gemacht. Im Schritttempo mussten wir über die mit Schlaglöchern durchsetzte Schotterpiste kriechen, die sich Kilometer um Kilometer nach oben schraubte, bis wir endlich den Kamm einer massiven Bergkette erreicht hatten. Die Aussicht dort, auf die unendlichen Wälder, gab uns das Gefühl, irgendwo im Nichts gelandet zu sein, nur dichtes Grün, das wie Meerwasser über Hügelketten floss, kilometerweite unberührte Natur, dazwischen unser Schulbus, so klein wie der Kopf einer Stecknadel.

Kurz nach der Grenze waren wir wieder in das dichte Gestrüpp der Wälder getaucht, seit etwa einer halben Stunde rollten wir nun entlang eines Flusses durch die Wildnis Alaskas, begleitet nur von den Handteller großen Spuren eines einsamen Elches am Straßenrand.

Ich frage mich, wie viel Bären hier wohl durch die Wälder streifen und erwarte schon hinter jeder Kurve auf einen zu treffen, aber den ganzen Tag über lässt sich kein Wildtier blicken. Dafür treffen wir jetzt immer wieder auf Goldsucher, ganze Gruppen von Männern, die mit ihren Goldwaschpfannen im Wasser stehen und nach den Nuggets suchen, die es hier tatsächlich noch ausreichend geben soll. Vereinzelt finden sich sogar Camps  entlang des Flusses, Zelte zwischen durchwühlter Erde, Goldwaschpfannen und Lagerfeuer, die ganze Landschaft wirkt wie die Kulisse eines alten Westerns und der Geruch von gebratenem Speck und Holzfeuer liegt schwer in der Luft.

Kurz bevor die Sonne untergeht rollen wir auf die Campsite Nr. 27, angelegt wie ein kleiner Kreis  reihen sich an die fünfzehn Parkbuchten aneinander, in der Mitte ein Pavillon und ein Plumpsklo, der erste Zeltplatz auf dem Boden Alaskas. Nur ein anderes Fahrzeug gesellt sich zu uns, trotzdem ist uns wohler, die erste Nacht nicht alleine in der „Wildnis“ zu verbringen. Bei der Mittagspause erst hatten wir in einem Gebüsch neben der Straße mehrere von Bären aufgebissene Konservendosen entdeckt, viel dicker erscheint mir das Blech des Busses kaum und die Nähe zu anderen Menschen vermittelt zumindest ein wages Gefühl von Sicherheit.

Doch nur wenige Augenblicke später beginnt es zu bröckeln. Mit einem Kanister in der Hand hatten wir uns auf den Weg zum Trinkwasserhahn gemacht, darüber prangt ein riesiges Plakat, darauf das ausdrucksstarke Bild eines Grizzlys:

„ATTENTION BEARS IN AREA!“

Bei 90.000 Bären im Land wohl eher nicht verwunderlich, denke ich bei mir:

“Bears have been sighted in the Walker Fork area. They are curios and investigating everything, particularly things that smell good.”

Dann jedoch muss ich schlucken:

„In campground on:“ dahinter kam eine Liste mit mehreren Daten, unter anderem den 23. und 25. August, Grizz stand abgekürzt dahinter und ich brauchte nicht viel Phantasie um mir auszumalen, was das wohl heißen mochte. Heute ist der 27. August,  und unser Hund Laika, die wir beim Bus gelassen haben, beginnt plötzlich zu bellen. Tom packt den inzwischen aufgefüllten Kanister und noch während wir den letzten Satz lesen, beginnen wir zu rennen:

„Never leave your pet unattendet…it might attract wild animals…”

Der Schotter knirscht unter unseren hastigen Schritten und mein Herz beginnt zu rasen, das Bellen steigert sich derweil zu einem hysterischen Crescendo.

Endlich sehen wir die Schnauze des alten Schulbusses vor uns auftauchen, nach Luft schnappend sprinten wir die letzten Meter, sehen die braune Leine in den dichten Ästen eines Gebüsches verschwinden.

„Laika, Laika…“

Panisch zerre ich an dem ausgebleichten Riemen, während Tom die Äste auseinander schlägt und endlich taucht der helle Kopf unseres Hundes aus dem dichten Grün.

Ein Grauhörnchen, greift die Gelegenheit beim Schopf und flüchtet laut keckernd aus Laikas Reichweite, was einen erneuten Schwall wütendes Gebell auslöst, dann beginnt unser „Wachhund“ angesteckt durch die ganze Aufregung begeistert um unsere Füße zu springen.

Ein Schwall Flüche bricht aus mir heraus, bevor ich erleichtert zu kichern beginne….Abenteuer Alaska….jetzt endlich sind wir mitten drin!!!