Wo ist nur die Zeit geblieben?

 

 

Alaska, Kilometerstand: 227 793

Die Nacht war kurz gewesen, zu kurz für meinen Geschmack, aber die stetige Helligkeit Alaskas machte uns immer noch zu schaffen. Seit wir im hohen Norden unterwegs waren, waren die Kinder kaum einmal vor elf ins Bett gekommen und selbst um Mitternacht schien die Sonne noch so hell, dass man ohne Probleme ein Buch lesen konnte. Mehr als zwei Stunden Dunkelheit war nicht zu haben, und ich war mehr als froh darüber, dass wir die dicken „moving blankets“ als Vorhänge gewählt hatten.

Heute jedoch hatten selbst die nichts mehr geholfen. Um fünf Uhr früh waren Emma und Paula aus den Betten gesprungen und erwartungsvoll an den gedeckten Tisch gehüpft. Ich hatte mit zusammengekniffenen Augen das Teewasser aufgesetzt und die Streichholzschachtel gezückt.

„Heute kann es regnen, stürmen oder schneien….“

Verschlafen und mit noch etwas kratziger Stimme setze ich zu singen an, Tom der noch im warmen Bett liegt, gräbt seinen Kopf zwischen die Decken und stöhnt leise, dann beginnt auch er zu brummen:

„…denn du strahlst ja selber, wie ein Sonnenschein….“

Der Kuchen, der in der Mitte auf dem Tisch steht, flackert im Kerzenlicht, heute am 27. 08 feiern wir die Geburtstage der Mädchen und ich frage mich wieder einmal wo die ganze Zeit hin verschwunden ist.  Acht und zehn Jahre… und dabei waren sie doch  gerade noch so klitzeklein und so zerbrechlich.

Während ich beiden ein großes Stück Kuchen auf die Teller lade, muss ich an die letzten Jahre denken, an vergangene Geburtstagsfeiern überall auf der Welt. Da war zum Beispiel mein 35. Geburtstag im Iran, an dem mir ein Freund einen Kaffee mit verbotenem Likör kredenzt hatte, der 2. und 4. von Emma und Paula im sibirischen Altaigebirge mit Kasperltheater aus dem Lkw, Sarahs 16. Geburtstag am Lagerfeuer in Russland und einem halben russischen Bier, gebackener Kuchen bei Freunden in Kanada und anstoßen auf Toms 40. neben den gebärenden Walen in Ojo de Liebre/Mexiko.

Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Draußen steigt leichter Nebel über die Wiesen und wirft einen zarten Schleier über das dichte Grün, die dicken Blaubeeren locken reif unter den schimmernden Tropfen des Morgentaues.

So viele Feiern an so vielen wunderbaren Orten auf der Welt und ich frage mich unwillkürlich, wo wohl der nächste Geburtstag stattfinden wird.

Emma und Paula haben sich in der Zwischenzeit auf die Geschenke gestürzt, reißen das Papier von Kuscheltieren und Spielen und schlürfen dabei heißen Kaba aus großen Tassen.

Durch das offene Fenster dringt frische Luft in unser kleines Zuhause und das Kerzenlicht wirft flackernde Schatten in den Rest Dunkelheit zwischen den dichten Vorhängen. Die fluoreszierenden Sternchen über unserem Bett hauchen ihr letztes schwaches Licht in den hellen Morgen und mit einem herzhaften Gähnen binde ich die  dunklen Decken vor den Fenstern nach oben.

„Guten Morgen, Alaska.“ Die Sonne strahlt und die Vögel zwitschern. Was für ein Beginn für einen neuen Tag….und…. für ein weiteres Jahr auf dieser wunderbaren Welt!“

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