Fairbanks- An der Grenze der Zivilisation

Alaska, Fairbanks, Meilenstand: 228 104

Grau in Grau verschmilzt der Himmel mit dem Teer des Parkplatzes, auf dem sich inzwischen schon kleine Seen aus Regenwasser gebildet haben, unaufhörlich fallen dicke Tropfen in einem trommelnden Rhythmus auf unser Blechdach.

„Tok…..tok…tok..tok..tok, tok, tok…..schneller und schneller, bis der einsetzende Platzregen auch die letzten Menschen unter die Dächer des Walmarts treibt, das triste und trüb im feuchten Dunst von Fairbanks verschwindet.

Etwas ratlos blicken wir auf unser Handy und studieren die Straßenverhältnisse von Alaska. Zum Glück können wir sogar im Bus das Wlan Netzt des „Homedepots“ empfangen, eines gegenüber des Walmarts gelegenem Shopping Centers, freies Internet auf dem Parkplatz und im Notfall sogar die Möglichkeit zu übernachten.

Gleich auf der ersten Seite finden wir einen roten Hinweis:

„Weather alerts: Flood advisory“

Das hört sich ja nicht sehr vertrauenserweckend an.

„…Fairbanks and Elliot Highway…“genau da müssen wir hin…danach folgt eine Aufzählung von den aktuellen Höchstständen der Flüsse, mit denen wir nicht viel anfangen können. Ein abschließender Ratschlag rundet die Sache ab:

„Es wird nicht empfohlen überflutete Straßen zu befahren, oder ins  „Middle Tanana Valley“ zu reisen…“

Na das wird sich machen lassen, das „Tanana Valley“ haben wir zum Glück inzwischen schon hinter uns gelassen, dann scrollen wir auf die nächste Seite und klicken auf „Dalton Highway“

„Straßenbedingungen, lesen wir dort: Fair“ …Aha….

Etwas ratlos schauen wir uns an und Tom zuckt mit den Schultern:

„Fair…hört sich doch eigentlich ganz gut an, oder was meinst du?“

Ich nicke zustimmend, während ich schon das gebrauchte Geschirr in der Spüle verstaue.

„Am besten wir fahren gleich, bevor es schlechter wird!“

Der Regen sollte fürs erste nicht besser werden, zumindest die nächsten Tage. Tom dreht den Zündschlüssel und nur wenig später rollen wir an eine Kreuzung, verharren kurz an der letzten roten Ampel, während uns gegenüber ein großer Abschlepplaster zum Stehen kommt. Auf der Ladefläche leuchtet es in einem merkwürdig vertrauten Gelb und als er Sekunden später an uns vorbei rollt muss ich unwillkürlich schlucken. Ein alter Schulbus steht fest vertäut hinter dem Führerhaus, der Dachträger noch voll bepackt, auf der kleinen angebauten Veranda ein Fahrrad und die Vorhänge vor den Fenstern, einst bunt und fröhlich, sind geschlossen und wirken leicht ausgebleicht.

Der hat es wohl nicht geschafft, denke ich bei mir und merke ein leichtes Rumoren in meinem Magen…

Dann endlich rollen wir vorbei an den letzten Häusern, lassen die breite Straße die zweispurig durch die Stadt geführt hat hinter uns und kommen nach Fox auf eine schmale, rissige Straße, der Beginn des Elliott Highways, der  bei Livengood weiter nach Westen bis an die Manley Hot Springs führt.

Für uns jedoch geht es nordwärts, knapp 800 km bis nach Prudhoe Bay an der Beauford Sea, so haben wir es uns zumindest vorgenommen, auch wenn mich der abgeschleppte Schulbus doch etwas skeptisch hat werden lassen.

Die Straße wird einsam, schmal und rumpelig, immer weniger Autos kommen uns entgegen und ab und an kann man einen ersten Blick auf die parallel verlaufende Pipeline erhaschen, die sich wie eine graue Schlange durch die endlosen Wälder zieht.

Jedes Mal muss ich dabei an Fran denken. Beim Ausbau des Busses hatten wir sie in Chewelah getroffen und bei einem dampfenden Kaffee hatte sie uns von ihren Erfahrungen in Alaska erzählt.

Damals, beim Bau der Pipeline, war sie auf dem Rücken liegend auf einem Rollbrett durch die Rohre gerutscht und hatte die Stellen, die ohne Schutzfarbe geblieben waren angeraut und nachgestrichen. Wie eine einzigartige , versteckte Welt waren ihr damals die engen Wände vorgekommen und ich höre noch immer die Begeisterung in ihrer Stimme, als sie von den Kunstwerken erzählt, mit denen sich andere Maler, die schon vor ihr dort gewesen sein mussten in der versteckten Finsternis der Pipeline verewigt hatten.

Für uns kaum vorstellbar und doch lässt uns die Geschichte die monströsen Rohre und die Schneise durch den Wald mit anderen Augen betrachten. Die ganze brutale Hässlichkeit scheint plötzlich neutralisiert, der Gedanke an die versteckte Welt im Inneren scheint das metallene Ungetüm mit einer geheimnisvollen Aura zu umgeben und zumindest für den winzigen Augenblick einiger Sekunden scheint die verborgene Welt der Pipeline in die unentdeckte Wildnis der Wälder zu passen.

Die letzte Abbiegung taucht vor uns auf, dann endlich stehen wir vor dem lang ersehnten Schild : JAMES W DALTON HIGHWAY leuchtet die weiße Schrift auf grünem Hintergrund, dazwischen die vielen Aufkleber, mit denen sich Reisende hier verewigt haben und mit einem Mal ist der Teer zu Ende. Die Reifen des Busses graben eine tiefe Rinne in den knöcheltiefen Schlamm und neben der Piste beginnt eine Eule geisterhaft zu rufen: Schuhu..hu…hu…

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