Border crossing – Kanada wir kommen

 

Juni, 23, Donnerstag, Kanada, Kilometerstand: 225 574
„Viel zu heiß!“ Gerade angekommen, prüft Tom mit seinem Infrarot Messgerät die Bremsen, die vorne rechts ist um über 30 °C heißer als die anderen.
„Die hier ist anscheinend fest!“ schon hat er den Wagenheber unter den Bus geschoben und den Werkzeugkoffer auf den Teerboden gehieft, die ersten Arbeiten werden also fällig und das schon nach 66 Meilen.
Vor einer knappen Stunde erst hatten wir die kanadische Grenze überquert und hatten doch tatsächlich dieselbe Restarea wiedergefunden, auf der wir vor fünf Jahren einen VW Bus voller Hippies getroffen hatten. Heute waren wir bis jetzt die einzigen Gäste und das laute Rauschen des vorbei fließenden Baches weckte lang vergessen geglaubte Erinnerungen an damals. Die überzogene Angst der jungen Leute vor dem Grenzübertritt in die USA und deren Versuch alle eingepackten Drogen davor noch rechtzeitig zu verbrauchen, der Geruch nach Patschuli und süßliche Rauchschwaden die über den Parkplatz wabberten.
Auch diesmal war die Grenzüberquerung völlig Problemlos verlaufen, in fünf Minuten hatte der kanadische Polizist die Pässe kontrolliert und uns dann durch gewinkt, weder Fahrzeugpapiere noch Führerschein hatten ihn interessiert.
Hinter mir klirrt ein Schraubenschlüssel auf den Boden, bald ist die blockierte Bremse repariert und die Radmuttern nachgezogen, ansonsten scheint bis jetzt alles zu funktionieren.
Ein Mark erschütternder Schrei ertönt plötzlich durch die Büsche und mein Magen verkrampft sich schlagartig, doch gerade als ich losstürmen will, setzt der Gesang ein:
„Hejaaaa, Hejooooo,….“ Die Mädels haben den Fluss erobert und spielen Indianer, der Gesang ist hoch und durchdringend, ganz so wie sie es in Kettle Falls selbst erlebt haben.
Vor einem selbst gebauten Staudamm wird ein Lager errichtet, werden Fische gefangen und geräuchert, aus Ästen und spitzen Steinen Werkzeug und Waffen hergestellt.
„Warum eigentlich haben die Menschen da die Wasserfälle überflutet?“
Noch immer nagt das Erlebte an ihnen, immer wieder werden Tom und ich mit Fragen überhäuft.
„Sie haben den Stausee für die Stromerzeugung angelegt, das Wasser fließt durch Turbinen ab und erzeugt so jede Menge Elektrizität.
„Aber warum brauchen die so viel Strom?“
„Tja, heutzutage braucht eigentlich jeder Strom, für die meisten Dinge: Elektroherd, Kühlschrank, Kaffeemaschine, Fernseher und Computer und natürlich um Dinge zu produzieren.“
„Was produzieren?“
„Hmmm, Spielzeug, Kleidung, alles was man mehr oder weniger braucht.“
„Und warum haben die dann eigentlich keine Fischtreppe gebaut?“
Hier fehlt auch uns die passende Antwort und nachdenklich spielen die Kinder weiter, können nicht verstehen, wie so etwas Wichtiges nicht mit eingeplant wurde und das obwohl sich die „First Nations“ schon Jahrelang dafür einsetzten.
Dann greifen wir uns alle ein paar Kiesel aus dem Wasser und beginnen zu klopfen, ganz so, wie es uns Lynn aus dem Museum noch einmal gezeigt hat.
Tok, tok, tok, tok….Tok, tok, tok,tok….
Gemeinsam klopfen wir den Lockruf für die Lachse, die sich weit, weit weg, vielleicht gerade jetzt vor dem Staudamm sammeln und hoffen das diesmal die Vision wahr wird, hoffen auf eine Fischtreppe, hoffen für die First Nations.

 

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