Zurück nach Norden, bis zum arctic circle…

Alaska, Dalton Highway, Meilenstand: 229.476

Der Schlamm spritzt und die Sicht ist schlecht, der Regen prasselt gegen unsere Frontscheibe und irgendwie habe ich das Gefühl ich hätte die Repeat-Taste gedrückt: Dalton Highway, Regen, Schlamm…

Ein Lkw kommt uns entgegen, mit einem Klatschen landet eine braune Fontäne auf den Küchenfenstern und im Inneren wird es noch eine Spur dunkler, durch die verklebten Fenster lässt sich kaum noch was erkennen. Trotzdem scheint dieses Mal alles um eine Kleinigkeit besser: die Straße ein wenig trockener, die Fahrspur um einige Zentimeter breiter, der graue Himmel eine Spur heller und unsere Laune um mindestens „eine Oktave“ höher.

Vor ein paar Tagen erst waren wir noch in die entgegengesetzte Richtung gefahren, hatten geplant anstatt den Norden Alaskas uns dem Süden zu widmen, wollten auf den Weg dorthin als erstes den Denali Park in Augenschein nehmen und doch  war alles wieder  ganz anders gekommen, als wir geplant hatten. Erschlagen von den Menschenmengen, Hotelketten und „Shoppingmeilen“ vor und im Park, hatten wir unseren Bus nach nur einer halben Stunde im Visitor Center kurzer Hand gewendet und waren geflohen. Geflohen von den vielen Touristen, dem falsch verstandenen Naturschutz und dem überquellendem Konsum und zurück in Fairbanks, wussten wir plötzlich was uns fehlte: Noch einmal Alaska erleben, unverfälscht und ohne Tourismusgedränge, Einsamkeit und Weite, Ruhe finden nach all dem Gedränge. Und was sollte da wohl besser geeignet sein, als der hohe Norden? Was einsamer als der schlammige, von allen als unattraktiv bezeichnete Dalton Highway, die einzige Verbindungslinie zwischen Ölplattform und Zivilisation?

Der nächste Lkw schrammt an uns vorbei und eine neue Fontaine klatscht gegen unsere Scheiben, doch der Regen scheint langsam zu versiegen. Aus Sturzflüssen werden Rinnsale, dann Bindfäden, dann ein stetiges Tropfen. Und endlich, als wir es schon kaum mehr für möglich gehalten hätten, bekommt das dichte Grau über uns plötzlich die ersten Risse und die Sonne wirft helle Strahlen auf die nasse Piste. Wälder ziehen sich über die Hügel, grün in grün über hunderte von Meilen, dazwischen nichts außer die graue Pipeline, die durch die riesigen Wälder kriecht, wie ein winziges verirrtes Würmchen, nichts als ein zittriger Strich zwischen den gewaltigen Wogen des unendlichen Waldes.

Fasziniert kriechen wir in Schrittgeschwindigkeit immer weiter nach Norden, lassen die Einsamkeit auf uns wirken, und genießen das Gefühl unser „Zuhause“ durch die unbeschreibliche Wildnis Alaskas zu lenken, fern ab von den Luxusdampfern, die regelmäßig die Küste mit Tourismusstürmen fluten, fern ab von Souvenirshops und überfüllten Campingplätzen.

Auf einem verlassenen Schotterplatz bei einer kleinen einsamen Kneipe verbringen wir unsere erste Nacht, bahnen uns einen Weg durch unwegsames Gestrüpp, laufen durch den feuchten Wald und dichtes Buschwerk. Und trotz Wildnis und Weite, treffen wir weder auf „Gevatter Bär“ noch einen heulenden Wolf, nur ein kleines, flauschiges Häschen hüpft um unseren Bus und frisst die letzten Spitzen frischen Grases, betrachtet erstaunt und ohne Scheu die schlammige „Fassade“ unseres fahrbaren Häuschens und verscheucht auch noch die letzten Reste unserer „Wildnis – Ängste“.

 

Durch die Wildnis und zurück

Alaska, Meilenstand 228.796

Dunkle Wolken brauen sich über uns zusammen, eine tiefe Schwärze liegt über den gewaltigen Seen, die sich vor uns ausbreiten, ansonsten sieht man nur das dichte Grün der undurchdringlichen Wälder. Röhrend hebt ein Wasserflugzeug aus den Fluten, dreht einen kleinen Kreis über unser Camp, nur um dann in den undurchdringlichen Weiten Alaskas zu verschwinden.

Wir kriechen derweil unter unseren Schulbus, liegen Seite an Seite auf dem kühlen Teer und betrachten mit gerunzelter Stirn einen unserer Hinterreifen. Ein ca. 20 cm langer Riss zieht sich durch den Mantel, die Kanten klaffen ungut auseinander, trotzdem lässt sich die Tiefe kaum abschätzen.

Eigentlich hatten wir uns, nach unserem Ausflug in Richtung Valdez, wieder auf den Weg zurück nach Kanada machen wollen, doch jetzt bin ich fast froh um den Aufschub.

Ich spüre Toms warme Schulter neben meiner, während sich einige Steinchen in meinen Rücken bohren und über uns der erste Donner über den Himmel rollt.

„Wir sollten umkehren, zurück nach Fairbanks!“,

„Mit dem Reifen kommen wir nie bis nach Whitehorse!“, da stimme ich ihm auf Anhieb zu.

Die ersten Regentropfen fallen neben uns auf den Boden, hinterlassen dunkle Flecken auf dem trockenen Straßenbelag und ein kleines Bächlein schlängelt sich unangenehm feucht unter meinen Rücken. Wir robben aus unserer Deckung und klettern zu den tobenden Mädchen ins Innere, versuchen dabei einen Plan für die nächsten Tage zu entwerfen.

„Erstmal brauchen wir einen Reifenhändler, der die passenden Reifen hat!“

Auf den Hinterachsen haben wir auf eine nicht ganz gängige Größe mit Gelände-Profil, jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass sich das in Fairbanks auch auftreiben lässt.

Tom greift sich das Handy um eine Nachricht an Darcy zu schreiben, deren Bruder in Fairbanks lebt.

„Vielleicht kann er uns ein paar Nummern raussuchen!“

Und während der Regen auf uns niederprasselt, tippen wir schon bald die erste Nummer in unser Handy.

„Hi, we need used tires….”

Einer nach dem anderen sagt ab, doch dann endlich, „Giant Tire“ in Fairbanks hat angeblich genau den richtigen Reifen für uns vorrätig, gebraucht und nicht zu teuer. Dem Himmel sei Dank!

Nur knappe zwei Tage später allerdings, bekommt unsere Vorfreude einen „satten“ Dämpfer. Etwas ratlos stehen wir vor einem Verkäufer des Giant Tires in Fairbanks und versuchen zum wiederholten Male auf die versprochenen Reifen zu verweisen, der untersetzte Mann jedoch zeigt uns die kalte Schulter

„We called you about the tires…“, versucht es Tom zum letzten Mal,

„I am sorry“ er schüttelt ungerührt den Kopf.

„I looked about in the shop…no used tires, the only ones I could find are new. They are about 500 Dollars each.”

Ungläubig starren wir ihn an und versuchen ihm klar zu machen, dass wir die letzten Tage ganze 300 Meilen zurückgelegt hatten, nur um an die versprochenen Reifen zu gelangen. Der ursprüngliche 20 cm Riss war inzwischen fast um den kompletten Reifen gewandert, jetzt würden wir damit sicher nicht mehr weit kommen.

Der Verkäufer allerdings lässt sich nicht erweichen: „You can take the new ones“ ist alles, was er dazu zu sagen hat.

Wieder hängen wir an der “Strippe”, anstatt unsere Zeit mit weiteren Diskussionen zu verschwenden, konzentrieren wir uns lieber noch einmal auf die Suche rund um Fairbanks.

„Phelps“ ein anderer Reifenshop außerhalb hört sich ganz vielversprechend an und nach einer erneuten Zusage, machen wir uns auf den Weg ins Industriegebiet. Am Ende einer Schotterstraße finden wir nach einer weiteren halben Stunde die kleine Werkstatt.

Einige Reifen türmen sich davor im hohen Gras, die dichten Büsche die neben der Straße wuchern, scheinen die Gebäude fast zu verschlucken und ohne viel Zuversicht verschwindet Tom im offenen „Schlund“ der dunklen Werkstatt.

Doch diesmal haben wir Glück: Phelps hat die gesuchten Reifen, mit montieren auf die alten Felgen und wechseln, zahlen wir insgesamt nur 350 Dollar für zwei Stück, dazu gibt es noch zwei riesige Tassen Kaffee gratis als Zugabe.

Eine Stunde später stehen wir dann vor einer Kreuzung in Fairbanks:

Um nach Kanada zu kommen müssten wir jetzt geradeaus fahren, doch mit einem einverständlichen Nicken lenken wir unseren Bus nach rechts….Denali Park 106 Meilen…noch können wir Alaska nicht den Rücken kehren…

Auf dem Dalton Highway

Alaska, Dalton Highway, Meilenstand: 228 200

Mit einem körnigen Geräusch spritzt der Schlamm der Schotterpiste gegen unsere Bustüre, Fontänen klatschen bei jeder Pfütze gegen unsere Scheiben und  bald sind auch die letzten Fenster so verschmiert, dass es uns fast unmöglich wird noch irgendetwas außerhalb des Busses zu erkennen. Nur vor der Frontscheibe windet sich die verschmierte Piste in endlosen Schleifen durch den verregneten Wald, tiefe Spuren in knöcheltiefen Schlamm, der „Fahrbahnrand“ ist schon kaum mehr zu erkennen und der Scheibenwischer scheint mittlerweile auch am Ende seiner Kräfte zu sein.

Ununterbrochen trommelt der Regen gegen unsere Scheiben, die dicken Tropfen ziehen helle Bahnen durch den bräunlichen Schlamm, lassen zumindest im Moment die Sicht etwas besser werden und nur so können wir die tiefen Reifenabdrücke vor uns erkennen, die sich in Schlangenlinien bis über die Böschung in den Abgrund ziehen. Ca. drei Meter unterhalb der Straße liegt  zwischen den hohen Gräsern des Waldrandes ein zerknautschtes Auto, die Fenster zersprungen und das Dach eingedrückt, doch zumindest ist kein Mensch mehr in der Nähe, der unsere Hilfe brauchen würde. Das Frack liegt einsam und verlassen und unsere anfänglichen Späße über den „fairen“ Zustand der Piste werden allmählich immer leiser.

Nach den ersten Kilometern wird aus zwei Fahrspuren plötzlich eine und jeder vorbei rauschende LKW drängt uns immer weiter in Richtung schmierigen Rand, das schmatzende Geräusch des dicken Schlammes schickt mir jedes Mal eine Gänsehaut über den Rücken.

„Das ist es nicht wert!“ Tom schüttelt den Kopf und krallt sich ins Lenkrad, als der nächste Lkw eine Fontaine Dreck gegen unsere Scheiben schleudert.

„Ich kann hier kaum ausweichen!“

Während ich noch nach den richtigen Worten suche, furcht sich seine Stirn und er zeigt auf die erste kleine Ausweichbucht am Straßenrand. Ein Wagen, der wirkt, als wäre er gegen einen Rammbock geschmettert, taucht in unserem Sichtfeld auf, ein Haufen Kleinteile daneben auf einen erschreckend hohen Haufen getürmt.

„Der konnte wohl auch nicht mehr ausweichen“ stellt er trocken fest und fast gleichzeitig fassen wir denselben Gedanken:

„Lass uns umkehren!“ nervös putze ich meine Brille, als uns ein röhrender Pickup überholt und dabei ein wenig ins Schlingern kommt,

„Du hast Recht, das ist es nicht wert!“

Selbst wenn wir bis nach Dead Horse kommen, der letzten Station vor Prudhoe Bay, müssen wir danach dieselben etwa 400 Meilen auch wieder zurück. Und es soll weiter regnen, zumindest noch einige Tage!

Nach guten dreißig Meilen rollen wir in eine kleine Seitenbucht und Tom kurbelt entschlossen am Lenkrad.

„Bis hierher und keinen Meter weiter!“ und nur gute zehn Minuten später machen wir uns wieder auf den Weg zurück, zurück über die schlammige Piste, zurück in die Zivilisation.

„Wir können ja auch noch woanders hinfahren“ meint Emma, als sie trotz aller Entschlossenheit unsere enttäuschten Gesichter sieht.

„Ich wollte schon immer mal nach Brasilien!“

Und mit einem Mal müssen wir trotz der angespann 

Fairbanks- An der Grenze der Zivilisation

Alaska, Fairbanks, Meilenstand: 228 104

Grau in Grau verschmilzt der Himmel mit dem Teer des Parkplatzes, auf dem sich inzwischen schon kleine Seen aus Regenwasser gebildet haben, unaufhörlich fallen dicke Tropfen in einem trommelnden Rhythmus auf unser Blechdach.

„Tok…..tok…tok..tok..tok, tok, tok…..schneller und schneller, bis der einsetzende Platzregen auch die letzten Menschen unter die Dächer des Walmarts treibt, das triste und trüb im feuchten Dunst von Fairbanks verschwindet.

Etwas ratlos blicken wir auf unser Handy und studieren die Straßenverhältnisse von Alaska. Zum Glück können wir sogar im Bus das Wlan Netzt des „Homedepots“ empfangen, eines gegenüber des Walmarts gelegenem Shopping Centers, freies Internet auf dem Parkplatz und im Notfall sogar die Möglichkeit zu übernachten.

Gleich auf der ersten Seite finden wir einen roten Hinweis:

„Weather alerts: Flood advisory“

Das hört sich ja nicht sehr vertrauenserweckend an.

„…Fairbanks and Elliot Highway…“genau da müssen wir hin…danach folgt eine Aufzählung von den aktuellen Höchstständen der Flüsse, mit denen wir nicht viel anfangen können. Ein abschließender Ratschlag rundet die Sache ab:

„Es wird nicht empfohlen überflutete Straßen zu befahren, oder ins  „Middle Tanana Valley“ zu reisen…“

Na das wird sich machen lassen, das „Tanana Valley“ haben wir zum Glück inzwischen schon hinter uns gelassen, dann scrollen wir auf die nächste Seite und klicken auf „Dalton Highway“

„Straßenbedingungen, lesen wir dort: Fair“ …Aha….

Etwas ratlos schauen wir uns an und Tom zuckt mit den Schultern:

„Fair…hört sich doch eigentlich ganz gut an, oder was meinst du?“

Ich nicke zustimmend, während ich schon das gebrauchte Geschirr in der Spüle verstaue.

„Am besten wir fahren gleich, bevor es schlechter wird!“

Der Regen sollte fürs erste nicht besser werden, zumindest die nächsten Tage. Tom dreht den Zündschlüssel und nur wenig später rollen wir an eine Kreuzung, verharren kurz an der letzten roten Ampel, während uns gegenüber ein großer Abschlepplaster zum Stehen kommt. Auf der Ladefläche leuchtet es in einem merkwürdig vertrauten Gelb und als er Sekunden später an uns vorbei rollt muss ich unwillkürlich schlucken. Ein alter Schulbus steht fest vertäut hinter dem Führerhaus, der Dachträger noch voll bepackt, auf der kleinen angebauten Veranda ein Fahrrad und die Vorhänge vor den Fenstern, einst bunt und fröhlich, sind geschlossen und wirken leicht ausgebleicht.

Der hat es wohl nicht geschafft, denke ich bei mir und merke ein leichtes Rumoren in meinem Magen…

Dann endlich rollen wir vorbei an den letzten Häusern, lassen die breite Straße die zweispurig durch die Stadt geführt hat hinter uns und kommen nach Fox auf eine schmale, rissige Straße, der Beginn des Elliott Highways, der  bei Livengood weiter nach Westen bis an die Manley Hot Springs führt.

Für uns jedoch geht es nordwärts, knapp 800 km bis nach Prudhoe Bay an der Beauford Sea, so haben wir es uns zumindest vorgenommen, auch wenn mich der abgeschleppte Schulbus doch etwas skeptisch hat werden lassen.

Die Straße wird einsam, schmal und rumpelig, immer weniger Autos kommen uns entgegen und ab und an kann man einen ersten Blick auf die parallel verlaufende Pipeline erhaschen, die sich wie eine graue Schlange durch die endlosen Wälder zieht.

Jedes Mal muss ich dabei an Fran denken. Beim Ausbau des Busses hatten wir sie in Chewelah getroffen und bei einem dampfenden Kaffee hatte sie uns von ihren Erfahrungen in Alaska erzählt.

Damals, beim Bau der Pipeline, war sie auf dem Rücken liegend auf einem Rollbrett durch die Rohre gerutscht und hatte die Stellen, die ohne Schutzfarbe geblieben waren angeraut und nachgestrichen. Wie eine einzigartige , versteckte Welt waren ihr damals die engen Wände vorgekommen und ich höre noch immer die Begeisterung in ihrer Stimme, als sie von den Kunstwerken erzählt, mit denen sich andere Maler, die schon vor ihr dort gewesen sein mussten in der versteckten Finsternis der Pipeline verewigt hatten.

Für uns kaum vorstellbar und doch lässt uns die Geschichte die monströsen Rohre und die Schneise durch den Wald mit anderen Augen betrachten. Die ganze brutale Hässlichkeit scheint plötzlich neutralisiert, der Gedanke an die versteckte Welt im Inneren scheint das metallene Ungetüm mit einer geheimnisvollen Aura zu umgeben und zumindest für den winzigen Augenblick einiger Sekunden scheint die verborgene Welt der Pipeline in die unentdeckte Wildnis der Wälder zu passen.

Die letzte Abbiegung taucht vor uns auf, dann endlich stehen wir vor dem lang ersehnten Schild : JAMES W DALTON HIGHWAY leuchtet die weiße Schrift auf grünem Hintergrund, dazwischen die vielen Aufkleber, mit denen sich Reisende hier verewigt haben und mit einem Mal ist der Teer zu Ende. Die Reifen des Busses graben eine tiefe Rinne in den knöcheltiefen Schlamm und neben der Piste beginnt eine Eule geisterhaft zu rufen: Schuhu..hu…hu…

North Pole, wir kommen!

Alaska, auf dem Weg nach Fairbanks, Meilenstand: 228 062

„Keine Chance!“ Tom schüttelt frustriert den Kopf, dreht noch einmal den Zündschlüssel, obwohl es aussichtslos erscheint. Keuchend würgt der Motor eine, dann eine zweite Umdrehung, bevor er zum wiederholten Male ganz erstirbt.

Der Nieselregen hat sich inzwischen zu einem Platzregen ausgewachsen und klatscht mit einem lauten Prasseln gegen die Frontscheibe, durch die Bäume zieht leichter Nebel und eine klamme Kälte verbreitet sich langsam in unserem Schulbus…Hochsommer in Alaska, irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt: Wärme, leuchtendes Grün, Bären und naja…Mücken…

Wieder stöhnt der Motor, hustet wie ein Raucher mit Bronchitis und ich frage mich ärgerlich, warum wir gestern nicht gleich bis nach Fairbanks gefahren sind. Bis hier jemand kommt um uns Starthilfe zu geben, konnte noch Stunden dauern.

Doch dann ein Rucken und mein Kaffee, der auf der Ablage steht fängt in der Tasse an zu zittern. Mit einem letzten Keuchen endlich beginnt der Motor zu laufen und ich atme erleichtert aus. Auch Tom beginnt zu grinsen und selbst der klatschende Regen scheint dem Motor zu applaudieren.

Mit einem schmatzenden Geräusch rollen die Reifen aus der Parklücke und nur wenig später haben wir es auf den Richardson Highway in Richtung Fairbanks geschafft.

„North Pole 40 miles“ lesen wir auf dem nächsten Wegweiser,

„Na kein Wunder, dass es jetzt kälter wird!“ Paula strahlt, „Immerhin sind wir schon fast am Nordpol!“

Die dürren Spruce Bäume rauschen an uns vorbei, und das Grün leuchtet in der Feuchtigkeit wie gemalt. Lila Weidenröschen säumen die Straße, dahinter die dunklen Berge und endlich kommt die Realität meiner Vorstellung sehr nahe.

„Da…HALT….STOPP!“ Emma und Paula schreien aufgeregt und Tom drückt erschrocken auf die Bremse. Fast gleichzeitig taucht vor unserem Fenster ein riesiger Kopf aus dem Gestrüpp, große dunkle Augen mustern uns und etwas kleineres Wackeliges daneben zieht unsere Blicke auf sich wie ein Magnet. Ein Elch Junges steht neben seiner Mutter am Straßenrand und kaut auf den zarten Ästen eines kleinen Baumes, die dürren Beine staken aus den Gräsern, die langen Ohren wackeln interessiert in unsere Richtung und mit einem Mal ist die Realität doch um Längen besser wie jede meiner bisherigen Vorstellungen.

Am Ende des Alaska Highways

 

 

Alaska, Delta Junction,  Meilenstand: 228 029

„How can I help you?“

Eine blonde Frau in den Fünfzigern lächelt uns an, die Zahnspange die zwischen den Zähnen aufblitzt verleiht ihr den schüchternen Charme eines Teenagers.

„Haben Sie Karten von verschiedenen Wanderwegen?“

„Nein, tut mir leid, aber ich könnte Ihnen die Nummer eines Guides geben.“

„Oh, danke. Wir wandern lieber alleine!“, erwidert Tom mit einem entschuldigenden Lächeln.

„Mit den Kindern wissen wir nie wie weit wir kommen, da ist es immer besser jederzeit umkehren zu können!“

„Hm.“ Sie sieht uns etwas besorgt an und kneift dabei die Lippen zusammen,

„In welche Richtung fahren Sie denn?“

„Fairbanks und weiter nach Norden“ sagen wir beide wie aus einem Mund, immerhin haben wir uns vorgenommen, den Dalton Highway zu fahren. Von Fairbanks über den „Arctic Circle“ und weiter bis nach Prudhoe Bay am arktischen Ozean.

Für einen Moment wirkt sie etwas überrascht, fast als hätte sie das uns „Greenhorns“ nicht zugetraut, dann nach einem kurzen Blick auf die Karte, die vor ihr auf dem Tisch liegt, sagt sie bestimmt:

„Der einzige Weg, den ich da empfehlen kann ist der kurze Wanderweg um den Harding Lake, da kommen Sie direkt dran vorbei. Alles andere ist alleine nicht sicher!“

Sie streicht sich eine Strähne hinter das Ohr und räuspert sich.

„Der ist nur wenige Meilen lang, aber wenn sie eine Waffe dabei haben…“

„Wir haben keine Waffe!“

Schockiert reißt sie die Augen auf.

„Kein Gewehr, keinen Revolver?“

„Nein.“ Die Situation kommt mir nun doch etwas unwirklich vor. Mir ist zwar klar, dass Waffen in Amerika zum Alltag gehören, aber diese Dame scheint es wirklich ein Wenig zu übertreiben. Ich versuche mir das Grinsen zu verkneifen und Tom fügt leicht ironisch hinzu:

„Ich hab ein Taschenmesser, das hat bis jetzt immer gereicht!“ dabei klopft er sich auf die Hosentasche, doch die zierliche Frau schüttelt fassungslos den Kopf. Dann, nachdem sie sich wieder etwas gefangen hat, entgegnet sie, ohne weiter auf Toms Aussage einzugehen:

„Im Notfall geht es vielleicht auch mit einem Bearspray!“

Wir gucken uns nun doch etwas betreten an, sie scheint es wirklich ernst zu meinen und für einen kurzen Augenblick bereuen wir es fast, die „Knarre“, die Emma im Fluss gefunden hatte, zur Polizei gebracht zu haben.

„Haben wir auch nicht!“

Ihr Mund wird zu einem dünnen Strich, der alles Teenagerhafte aus ihrem Gesicht verschwinden lässt, plötzlich wirkt sie wie eine Oberschullehrerin, die uns am liebsten mit einem Rüffel nach Hause schicken würde. Doch bevor sie loswettert, holt sie noch einmal tief Luft, bemüht sich sichtlich die Ruhe zu behalten und schließt dann mit einem resignierenden Lächeln:

„Na dann bleiben Sie am besten immer in der Nähe Ihres Fahrzeuges!“

 

Wenige Minuten später stehen wir draußen vor dem Visitor center und starren noch etwas benommen auf das Denkmal, das sich vor uns erhebt. „End of the Alaska Highway“ steht dort in großen schwarzen Lettern, und obwohl es sich nur um das Ende einer Straße handelt, fühlen wir uns als hätten wir gerade das Ende der Zivilisation erreicht. Allein und verlassen, ausgesetzt zwischen wilden Tieren und unglaublichen Gefahren, noch dazu ohne Bewaffnung.

Wir werfen uns einen Blick zu und plötzlich müssen wir lachen, albern kichern wir bis uns die Luft ausgeht und das dumpfe Gefühl verschwindet aus meinem Magen.

„Die hat uns doch auf den Arm genommen.“ Sag ich grinsend und Tom nickt

„Und sie war gut…richtig gut!“

 

Vom Campingplatz aus waren wir durch die dichten Wälder weiter nach Chicken (Einwohnerzahl im Winter:2) gefahren, einer kleinen Ortschaft mitten im Nirgendwo, mit einer Tankstelle und einem Souveniershop und alleine die Vorstellung, durch unser Bleiben die Einwohnerzahl zu verdreifachen, hätte uns fast zu einem längerem Stopp verleitet.

Die alten Blockhäuser und der Saloon wirkten mehr als gemütlich und für einen kurzen Augenblick konnte ich mir durchaus vorstellen, hier einen frostigen Winter vor dem offenen Kamin zu verbringen, alleine in der Einsamkeit mit nichts als Schnee, Stille und einer Hand voll Huskys, die uns auf einem Schlitten durch die märchenhafte Landschaft ziehen würden.

Die Realität jedoch sah anders aus, soviel war uns klar. Eiseskälte, gesperrte Straßen, deprimierende Finsternis und endlose Einsamkeit, die meisten Bewohner versuchten vor dem Winter, wenn schon nicht in den Süden, dann zumindest in die Stadt zu kommen. Hier draußen in den Bergen bei bis zu minus 50 °C den Winter zu verbringen grenzte schon fast an Wahnsinn.

Über die schmale Schotterstraße, unter die sich inzwischen schon hin und wieder schlechter Asphalt mischte, machten auch wir uns  zumindest für ein kurzes Stück auf den Weg nach Süden, kamen wenige Meilen vor Tok auf den Alaska Highway, wandten uns wieder nach Nordwest und  nur wenige Stunden später hatten wir so Delta Junction erreicht.

Noch einmal waren wir ins Visitor Center zurückgekehrt, hatten den Ausführungen der „Blonden“ gelauscht und während wir uns einen frischen Kaffee in die Becher füllten, hatten wir kurz in die ungläubigen Gesichter der neuen Reisenden geblickt.

„Die Gefahren werden unterschätzt….“ hörte ich sie sagen,

„Es sterben jedes Jahr wesentlich mehr Menschen durch Elche als durch Bären…“.

 

Quietschend schwingt die Türe unseres Schulbusses nach innen und immer noch grinsend klettern wir über die hohen Stufen in unser sicheres Zuhause.

Tom lässt den Motor an und unser Vehikel zuckelt vom Parkplatz langsam zurück auf die Straße. Rechts und links kriechen die Häuser an uns vorbei, kurz darauf nichts als die dünnen langen Stämme der nördlichen Nadelbäume, dahinter die scharfen Umrisse der Alaska Range.

Schlaglöcher sind wie ein Gitternetz in die Straße gefressen und ein leichter Nieselregen setzt ein, aber ohne uns noch einmal beirren zu lassen, kriechen wir immer weiter in Richtung Norden.

In zwei Tagen werden wir in Fairbanks sein, einen Tag später auf dem Dalton Highway, ohne Bearspray und ohne Waffe. Doch zumindest im Moment störte mich das nicht im Geringsten.

Wo ist nur die Zeit geblieben?

 

 

Alaska, Kilometerstand: 227 793

Die Nacht war kurz gewesen, zu kurz für meinen Geschmack, aber die stetige Helligkeit Alaskas machte uns immer noch zu schaffen. Seit wir im hohen Norden unterwegs waren, waren die Kinder kaum einmal vor elf ins Bett gekommen und selbst um Mitternacht schien die Sonne noch so hell, dass man ohne Probleme ein Buch lesen konnte. Mehr als zwei Stunden Dunkelheit war nicht zu haben, und ich war mehr als froh darüber, dass wir die dicken „moving blankets“ als Vorhänge gewählt hatten.

Heute jedoch hatten selbst die nichts mehr geholfen. Um fünf Uhr früh waren Emma und Paula aus den Betten gesprungen und erwartungsvoll an den gedeckten Tisch gehüpft. Ich hatte mit zusammengekniffenen Augen das Teewasser aufgesetzt und die Streichholzschachtel gezückt.

„Heute kann es regnen, stürmen oder schneien….“

Verschlafen und mit noch etwas kratziger Stimme setze ich zu singen an, Tom der noch im warmen Bett liegt, gräbt seinen Kopf zwischen die Decken und stöhnt leise, dann beginnt auch er zu brummen:

„…denn du strahlst ja selber, wie ein Sonnenschein….“

Der Kuchen, der in der Mitte auf dem Tisch steht, flackert im Kerzenlicht, heute am 27. 08 feiern wir die Geburtstage der Mädchen und ich frage mich wieder einmal wo die ganze Zeit hin verschwunden ist.  Acht und zehn Jahre… und dabei waren sie doch  gerade noch so klitzeklein und so zerbrechlich.

Während ich beiden ein großes Stück Kuchen auf die Teller lade, muss ich an die letzten Jahre denken, an vergangene Geburtstagsfeiern überall auf der Welt. Da war zum Beispiel mein 35. Geburtstag im Iran, an dem mir ein Freund einen Kaffee mit verbotenem Likör kredenzt hatte, der 2. und 4. von Emma und Paula im sibirischen Altaigebirge mit Kasperltheater aus dem Lkw, Sarahs 16. Geburtstag am Lagerfeuer in Russland und einem halben russischen Bier, gebackener Kuchen bei Freunden in Kanada und anstoßen auf Toms 40. neben den gebärenden Walen in Ojo de Liebre/Mexiko.

Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Draußen steigt leichter Nebel über die Wiesen und wirft einen zarten Schleier über das dichte Grün, die dicken Blaubeeren locken reif unter den schimmernden Tropfen des Morgentaues.

So viele Feiern an so vielen wunderbaren Orten auf der Welt und ich frage mich unwillkürlich, wo wohl der nächste Geburtstag stattfinden wird.

Emma und Paula haben sich in der Zwischenzeit auf die Geschenke gestürzt, reißen das Papier von Kuscheltieren und Spielen und schlürfen dabei heißen Kaba aus großen Tassen.

Durch das offene Fenster dringt frische Luft in unser kleines Zuhause und das Kerzenlicht wirft flackernde Schatten in den Rest Dunkelheit zwischen den dichten Vorhängen. Die fluoreszierenden Sternchen über unserem Bett hauchen ihr letztes schwaches Licht in den hellen Morgen und mit einem herzhaften Gähnen binde ich die  dunklen Decken vor den Fenstern nach oben.

„Guten Morgen, Alaska.“ Die Sonne strahlt und die Vögel zwitschern. Was für ein Beginn für einen neuen Tag….und…. für ein weiteres Jahr auf dieser wunderbaren Welt!“

Endlich in Alaska

 

 

Alaska, Kilometerstand 227 793

Obwohl es draußen noch nicht dunkel ist fühle ich mich nicht ganz wohl auf dem engen geschotterten Weg. Eine steile Kurve führt irgendwo ins Nichts, rechts und links dichtes Buschwerk, das geisterhaft blass wirkt unter dem Staub der trockenen Straße. Äste wippen über uns, ausgefahrene Rillen zwischen dichten Gestrüpp, uns ergreift das Gefühl irgendwo im Brasilianischen Dschungel gelandet zu sein, keine Menschenseele weit und breit.

Darcys Geschichten kribbeln im Hinterkopf, am Abend vor der Abfahrt hatten wir noch „Horrorgeschichten“ ausgetauscht, eine ihrer Erzählungen über die nächtliche Fahrt ihrer Freunde war mir besonders gut im Gedächtnis haften geblieben.

„It was getting dark…but the moon was shining bright…“, ich konnte ihr Gesicht vor mir sehen, hörte ihre leise eindringliche Stimme.

„They came around a corner and there was something on the street, but they couldn`t stop. It was a roadkill…”

Ich sah die Geschehnisse wie in einem Film vor mir ablaufen: Das Auto, das tote Tier über das ihre Freunde in der Dunkelheit rollten, den Schock in den Gesichtern. Ich sah das Auto am Straßenrand, weißes Mondlicht auf dem dunklen Dach des Wagens. Dann die Wölfe. Riesige Geschöpfe, ein ganzes Rudel, das um das Auto schlich, Die langen Schnauzen, die das frische Blut schon von weitem gewittert hatten.

Eine Gänsehaut kriecht mir über den Rücken und ich merke wie mir kalt wird. Die langen Zweige scheinen plötzlich wie Finger nach uns zu greifen, lange Schatten tanzen über die schmale Straße.

Heute Morgen waren wir von Dawson City aufgebrochen, hatten die vielen Saloons und alten Holzhäuser aus der Zeit des Goldrausches hinter uns gelassen und uns über den Sagen umwobenen „Top oft the world Highway“ in Richtung Alaska auf den Weg gemacht. Im Schritttempo mussten wir über die mit Schlaglöchern durchsetzte Schotterpiste kriechen, die sich Kilometer um Kilometer nach oben schraubte, bis wir endlich den Kamm einer massiven Bergkette erreicht hatten. Die Aussicht dort, auf die unendlichen Wälder, gab uns das Gefühl, irgendwo im Nichts gelandet zu sein, nur dichtes Grün, das wie Meerwasser über Hügelketten floss, kilometerweite unberührte Natur, dazwischen unser Schulbus, so klein wie der Kopf einer Stecknadel.

Kurz nach der Grenze waren wir wieder in das dichte Gestrüpp der Wälder getaucht, seit etwa einer halben Stunde rollten wir nun entlang eines Flusses durch die Wildnis Alaskas, begleitet nur von den Handteller großen Spuren eines einsamen Elches am Straßenrand.

Ich frage mich, wie viel Bären hier wohl durch die Wälder streifen und erwarte schon hinter jeder Kurve auf einen zu treffen, aber den ganzen Tag über lässt sich kein Wildtier blicken. Dafür treffen wir jetzt immer wieder auf Goldsucher, ganze Gruppen von Männern, die mit ihren Goldwaschpfannen im Wasser stehen und nach den Nuggets suchen, die es hier tatsächlich noch ausreichend geben soll. Vereinzelt finden sich sogar Camps  entlang des Flusses, Zelte zwischen durchwühlter Erde, Goldwaschpfannen und Lagerfeuer, die ganze Landschaft wirkt wie die Kulisse eines alten Westerns und der Geruch von gebratenem Speck und Holzfeuer liegt schwer in der Luft.

Kurz bevor die Sonne untergeht rollen wir auf die Campsite Nr. 27, angelegt wie ein kleiner Kreis  reihen sich an die fünfzehn Parkbuchten aneinander, in der Mitte ein Pavillon und ein Plumpsklo, der erste Zeltplatz auf dem Boden Alaskas. Nur ein anderes Fahrzeug gesellt sich zu uns, trotzdem ist uns wohler, die erste Nacht nicht alleine in der „Wildnis“ zu verbringen. Bei der Mittagspause erst hatten wir in einem Gebüsch neben der Straße mehrere von Bären aufgebissene Konservendosen entdeckt, viel dicker erscheint mir das Blech des Busses kaum und die Nähe zu anderen Menschen vermittelt zumindest ein wages Gefühl von Sicherheit.

Doch nur wenige Augenblicke später beginnt es zu bröckeln. Mit einem Kanister in der Hand hatten wir uns auf den Weg zum Trinkwasserhahn gemacht, darüber prangt ein riesiges Plakat, darauf das ausdrucksstarke Bild eines Grizzlys:

„ATTENTION BEARS IN AREA!“

Bei 90.000 Bären im Land wohl eher nicht verwunderlich, denke ich bei mir:

“Bears have been sighted in the Walker Fork area. They are curios and investigating everything, particularly things that smell good.”

Dann jedoch muss ich schlucken:

„In campground on:“ dahinter kam eine Liste mit mehreren Daten, unter anderem den 23. und 25. August, Grizz stand abgekürzt dahinter und ich brauchte nicht viel Phantasie um mir auszumalen, was das wohl heißen mochte. Heute ist der 27. August,  und unser Hund Laika, die wir beim Bus gelassen haben, beginnt plötzlich zu bellen. Tom packt den inzwischen aufgefüllten Kanister und noch während wir den letzten Satz lesen, beginnen wir zu rennen:

„Never leave your pet unattendet…it might attract wild animals…”

Der Schotter knirscht unter unseren hastigen Schritten und mein Herz beginnt zu rasen, das Bellen steigert sich derweil zu einem hysterischen Crescendo.

Endlich sehen wir die Schnauze des alten Schulbusses vor uns auftauchen, nach Luft schnappend sprinten wir die letzten Meter, sehen die braune Leine in den dichten Ästen eines Gebüsches verschwinden.

„Laika, Laika…“

Panisch zerre ich an dem ausgebleichten Riemen, während Tom die Äste auseinander schlägt und endlich taucht der helle Kopf unseres Hundes aus dem dichten Grün.

Ein Grauhörnchen, greift die Gelegenheit beim Schopf und flüchtet laut keckernd aus Laikas Reichweite, was einen erneuten Schwall wütendes Gebell auslöst, dann beginnt unser „Wachhund“ angesteckt durch die ganze Aufregung begeistert um unsere Füße zu springen.

Ein Schwall Flüche bricht aus mir heraus, bevor ich erleichtert zu kichern beginne….Abenteuer Alaska….jetzt endlich sind wir mitten drin!!!

 

Noch ein Versuch

Kanada, Kilometerstand: 227 347

Die letzte Schraube sitzt, die neue Pumpe sitzt wie ein Fremdkörper im Motorraum und strahlt hell gegen den Rost. Tom klopft nervös mit den Fingern aufs Lenkrad und steckt den Schlüssel ins Zündschloss.
Den letzten Tag hatte er vor und unter der Motorhaube verbracht, hatte geschraubt und Riemen gewechselt, getüftelt und überlegt und jetzt endlich war der bedeutende Augenblick gekommen.
Langsam dreht er den Schlüssel…nichts….der Motor gibt kein Geräusch von sich, unheimliche Stille breitet sich über den Bus während Tom frustriert gegen das Armaturenbrett boxt. Dann springt er nach draußen und starrt finster in den Motorraum.
„ Ich versteh es nicht! Es muss einfach funktionieren!“
Die letzte Woche war schnell vergangen, fast zu schnell, doch wenn wir noch länger warten müssten, würde uns die Zeit endgültig knapp werden. Selbst hier in Whitehorse waren einige Nächte schon recht kühl gewesen und bis zu unserem ersten Wärmefeuer im Bus würde es wohl nicht mehr allzu lange dauern.
Mit einem unguten Gefühl im Magen blicke ich nach draußen…der Bus musste einfach laufen…
Doch Tom scheint schon eine Idee zu haben. Er wackelt an einer Steckverbindung, rammt einen locker sitzenden Stecker fester ins Gehäuse, dann steigt er wieder in den Bus, sinkt auf den Fahrersitz und versucht zu starten.
Ein Röhren dringt aus dem Motorraum, dann ein gleichmäßiges Tuckern, der Motor läuft und im ganzen Innenraum verbreitet sich ein angenehmes Vibrieren. Unser rollendes Zuhause scheint wieder fahrbereit zu sein und uns ist zum Jubeln zumute, jetzt konnten wir es kaum noch erwarten nach Alaska zu kommen, bis weit hoch in den Norden. Ein letztes Mal holpert der Bus über die Einfahrt, noch einmal winken….und der Bus fährt…noch immer.
Emma lächelt versöhnlich. Zwar mussten alle Huskys in Whitehorse bleiben, dafür hat sie aber einen neuen Plan:
„nach Alaska kommen wir hier doch wieder vorbei?“
Ich nicke zustimmend.
„Gut. Dann kann Gerry die Hunde noch ein wenig trainieren und dann nehmen wir auf dem Rückweg einen mit!“
Ihre Augen leuchten bei der Vorstellung.
Tom setzt den rechten Blinker, das gelbe Flackern im Rückspiegel fesselt für einen Moment die Aufmerksamkeit aller, dann wandern unsere Blicke auf das Straßenschild, das vor uns aus dem Straßengraben „wächst“:
DAWSON CITY verkündet es verheißungsvoll unser nächstes Ziel, dann verschwindet es hinter dem Bus, wird kleiner und kleiner und ist schon bald hinter der nächsten Kurve verschwunden.