Eine wunderbare „Zwangspause“

 

Kanada, Kilometerstand: 227 347
„300 $“ Darcy blickt uns fragend an und nach einem zustimmenden Nicken Toms spricht sie weiter ins Telefon:
„Okay. Dann bestellen wir die Wasserpumpe und außerdem alle dazugehörigen Riemen, ja die Nummern habe ich…einen Moment…“ Dann buchstabiert sie all die Zahlen, die Tom auf einem kleinen Zettel zusammengeschrieben hat.
Tags zuvor hatte Tom in nur einer knappen halben Stunde alle seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt gesehen. Tatsächlich war nicht der Kühler das Problem, auch kein undichter Schlauch, sondern, wie gleich zu Beginn vermutet die Wasserpumpe.
„Wie lange dauert das?“ Tom und ich hängen an Darcys Lippen
„vier Tage? Okay.“ Dann wendete sie sich an uns: „Er ruft an, wenn die Teile da sind!“
Zu unserem Glück hatte sich Darcy dazu bereit erklärt, die Telefonate mit dem Ersatzteilhandel für uns zu erledigen, meist fiel es uns nicht leicht, die verschiedenen Slangs am Telefon zu verstehen.
Wir atmeten auf. Vier Tage waren ein Zeitrahmen, den wir verkraften konnten, dazu die Reparatur. In insgesamt einer Woche hofften wir wieder unterwegs sein zu können.
Wie schon tags zuvor war mir wieder bewusst, wie viel Glück wir gehabt haben, genau zum richtigen Zeitpunkt hatte die Pumpe den Geist aufgegeben.
Was wenn wir die Panne schon mitten auf dem Dalton Highway gehabt hätten? Hunderte Kilometer ohne Siedlungen und Menschen, inmitten der Einsamkeit Alaskas?
Hier in Whitehorse dagegen hatten wir alles was wir für die Reparatur brauchten, Werkzeug, Übersetzungshilfe und da uns der Abschied sowieso schwer gefallen wäre, genießen wir jetzt die zusätzlichen Tage, die uns so „in den Schoss gefallen“ waren.
Neben uns ertönt lautes Gelächter. Emma und Paula haben Leo auf sein kleines Wägelchen gesetzt und versuchen gemeinsam den Bollerwagen durch die große Matschpfütze hinter der Werkstatt zu ziehen. Schlamm spritzt, die Reifen schwellen auf die dreifache Größe an und Leo scheint seinen Spaß zu haben, wir trinken in der Zwischenzeit gemütlich Kaffee.
Jetzt ist erst einmal Zeit für eine Pause…
Die nächsten Tage vergehen dann auch wie im Flug. Mit einem Motorboot erkunden wir den Yukon und den Lake Laberge, wandern durch eine alte „Indianersiedlung“, spielen mit Leo und den Huskys und erkunden in immer größeren Kreisen die Umgebung um unser gelbes Zuhause. Die Mädchen planen in der Zwischenzeit schon für die Wintermonate und ihre ersten Rennen:
„Wenn dann endlich Schnee liegt, fahren wir auch mit den Hundeschlitten, wie alt muss man überhaupt sein um beim Iditarod mitzufahren?“
Die Kälte, meinen Beide, sei überhaupt kein Problem und zumindest Emma ist sich sicher:
„Wenn ich groß bin, werde ich Musher! Und wenn wir schon wieder fahren müssen, nehmen wir am besten schon mal einen Husky mit!“

Der Bus kränkelt

 

Kanada, Kilometerstand: 227 347
Erleichtert kommen wir aus der Polizeistation, doch unser Hochgefühl wird nach einem Blick auf den Schulbus schon im nächsten Augenblick wieder gedämpft. Die vielen Kilometer sind nicht ohne Spuren an unserem Mobile Home vorbeigegangen, zwar ist die Heizung inzwischen repariert, aber viele Kleinigkeiten haben sich langsam aber sicher zu einem Berg angehäuft. Ohne einen Boxenstopp werden wir wohl kaum bis nach Alaska kommen, geschweige denn auf den Dalton Highway. Was uns jetzt fehlt ist der geeignete Platz um die nötigen Reparaturen zu erledigen, ein Platz zum Erholen und zum Seele baumeln lassen, am besten in netter Gesellschaft.
Nur wenige Kilometer nach der Abfahrt in Richtung Dawson City rollen wir eine halbe Stunde später über eine löchrige Hofeinfahrt, BOYLEVILLE verkündet daneben ein grünlich verfärbtes Holzschild, die Buchstaben genagelt aus kleinen Ästchen. Boyle ville… Boyle… sofort drängt sich mir ein Bild auf, ein Bild von einem bunten Schulbus mit Ziegen auf dem Dach, vollgepackt mit einer Ladung Hippies. Star und ihre Freunde auf dem Weg nach Alaska aus T.C. Boyles Buch „Drop City“. Gemeinsam hatten sie sich von Kalifornien auf den Weg in den hohen Norden gemacht, um dort in den Weiten der Natur einen friedlichen Platz zum Leben zu finden.
Ein einsamer Hund beginnt zu heulen, dann ein nächster und noch einer, bis sich ein Chor duzender Stimmen zu einem jaulenden Begrüßungskonzert vereint, eine Meute Huskys springt aufgeregt durch ihren „Dogyard“, die Kobalt blauen Augen an unsere Schritte geheftet.
Wir hoffen, den friedlichen Platz zum Bleiben schon gefunden zu haben, hoffen hier in Boyleville, dem Zuhause von Gerry und Darcy, wenn auch nicht unser Leben, doch zumindest die nächsten Tage verbringen zu können, bevor wir uns, wie die Kommune aus dem Buch wieder auf den Weg nach Norden machen.
Schon vor Wochen hatten wir mit den Beiden Kontakt aufgenommen, hatten uns gefreut auf ein Wiedersehen nach langer Zeit. Kennengelernt hatte ich Gerry vor etwa 25 Jahren, damals hatte er in meiner Lieblingsdisco als Diskjockey gearbeitet, war kurz darauf nach Kanada ausgewandert und hatte dort als Musher Fuß gefasst. Schon mehrmals hatte er am Iditarod teilgenommen, einem der härtesten und längsten Hundeschlittenrennen, das über 1000 Meilen quer durch Alaska führt, und hatte mit seinen Hunden, bei diesem und auch anderen Rennen, immer wieder gute Plätze belegt. Inzwischen warteten an die 50 Huskys vor seinem Blockhaus auf ihr tägliches Training. Er hatte uns eingeladen ihn jederzeit zu besuchen, wir könnten bleiben solange wir wollen und jetzt war genau der richtige Zeitpunkt.
Noch immer rennen die Hunde hechelnd um ihre Hütten und Laika verkriecht sich ängstlich unter dem Tisch, die Kinder dagegen springen aufgeregt nach draußen.
Vor einer fast fertigen „Gästeblockhütte“ dürfen wir unser „Lager“ aufschlagen und noch während wir den Bus parken stürmen die Mädchen durch die ausgehobenen Gräben für Wasser und Strom, fantasieren sich in ein unterirdisches Labyrinth voller Geheimnisse und Abenteuer und auch Leo (der kleine Sohn von Gerry und Darcy) ist begeistert dabei.
Drei Tage genießen wir diesen wunderbaren Ort, erfahren Unmengen über Hundeschlitten, Husky Haltung und Fütterung, rennen mit den Welpen um die Wette, spielen mit Leo und ganz nebenbei wird der Bus gehegt und gepflegt (die Gasleitung muss abgedichtet werden, ein neuer Druckminderer besorgt, eine Spiegelhalterung geschweißt, ein Reifen geflickt, der Ölwechsel ist fällig, und abgeschmiert werden muss auch…). Am dritten Tag ist es dann soweit, alle Arbeiten sind erledigt und wir können das nächste Stück nordwärts wagen, können wieder ein Stück weiter in die Wildnis vordringen, weiter nach Alaska.
Trotz allem fällt uns der Abschied schwer, die Mädchen können sich kaum von den Hunden und Leo trennen und auch wir genießen die nette Gesellschaft. Doch die Zeit drängt. Immerhin ist es inzwischen Mitte Juli und wenn wir es im Sommer noch auf den Dalton Highway schaffen wollen, sollten wir uns langsam beeilen, denn immerhin fehlen uns bis dahin noch an die 2000 Meilen.
Der Motor tuckert und die Mädchen winken, während Tom zum letzten Mal vor der Abfahrt um den Schulbus läuft, dann plötzlich ein Schrei:
„Mach den Motor aus, schnell“ erschrocken ziehe ich den Hebel, bis der Motor erstirbt.
„Alles voller Kühlwasser…“ er schüttelt den Kopf,
„Das sieht nicht gut aus, hoffentlich ist es nicht die Wasserpumpe!“

Ein „Mords“- Fundstück

Kanada, Kilometerstand: 226 807
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ die Stimme die aus dem Lautsprecher knarrt, klingt freundlich interessiert, und gespannt hole ich noch einmal Luft bevor ich weiter spreche:
„Wir haben eine Waffe gefunden….“
Gemeinsam stehen wir in dem gläsernen Vorraum der Polizeistation von Whitehorse, eingepfercht in etwas mehr als einem Quadratmeter, als Ansprechpartner nur das löchrige Blech eines alten Lautsprechers.
„Was für eine Waffe?“
„Einen Revolver.“ Der interessierte Tonfall hat inzwischen eine leicht gestresste Nuance.
„Ok. Wo ist der Revolver jetzt?“
„Hier in dieser Schachtel!“ Ich zeige auf den kleinen Schuhkarton, den Tom auf dem Arm hält und inzwischen starren wir alle wie gebannt auf die Kamera, die sich mit einem leisen Rattern über unseren Köpfen dreht.
„Stellen sie den Karton in eine Ecke und gehen Sie ein paar Schritte zurück.“
Ein Gesicht taucht nun hinter der Glastür auf, ein junger Polizeibeamter nimmt vorsichtig den abgestellten Schuhkarton, lotst uns in ein weiteres kleines „Vorkämmerchen“ der Polizeistation, während er den Deckel der Schachtel öffnet und immer wieder den Kopf schüttelt.
Seit knapp einer Woche nun hatten wir die Pistole im Gepäck, eingepackt in mehreren Plastiktüten hatte sie neben dem Fahrersitz geschlummert und auf eine Entscheidung gewartet. Wohin nur mit einer Waffe?
Angefangen hatte alles nur wenige Tage vorher, in der Einsamkeit des Cassiar Highways, an einem grünlich schimmernden Fluss inmitten der kanadischen Wildnis….

Kreischend und zeternd flatternden die großen Kolkraben über der Boat Launch und stürzten sich immer wieder auf die über den felsigen Strand verteilten blutigen Brocken. In einer rötlichen Pfütze waren die letzten Köderreste aus der Bärenfalle geschwappt, die ein Ranger zum Säubern ins Wasser gefahren hatte, ein letzter Schwall Wasser klatschte auf den Boden und nur Minuten später verschwand der Pickup mit dem röhrenartigen Gebilde hinter der nächsten Kurve und wir waren wieder allein, allein mit uns und unseren Gedanken, allein zwischen Bären, Wölfen, Berglöwen und Elchen.
In Rekordschnelle hatten wir in den letzten Tagen die vielen Kilometer bis Prinz George hinter uns gebracht, waren über Vanderhoof, Ford Fraser und Smithers bis zum Cassiar Highway vorgestoßen und nun endlich auf dem direkten Weg nach Norden. Und zum ersten Mal, seit dem Beginn unserer Reise hatten wir wirklich das Gefühl alleine zu sein, viele Kilometer entfernt von der nächst` größeren Siedlung, hunderte von der nächsten Stadt.
Unendliche Wälder umschlossen uns, leuchtendes Grün über Sumpfland, dazwischen gurgelnde Flüsschen und dichtes Gestrüpp in das verheißungsvoll prall gefüllte Beeren lockten. Soap Berries säumten die Straßen und Waldränder, leuchtendes Rot zwischen saftig grünen Blättern, und überall die lila Blüten der Weidenröschen.
An einem Fluss vor 40 Mile Flats hatten wir die erste längere Pause eingelegt, beobachteten nun gemeinsam die gewaltigen Kolkraben, die sich auf die letzten Köderbissen stürzten, und hofften, der Bär, der panikartig im Wald verschwunden war, würde es sich nicht wieder anders überlegen.
Bären schien es hier jede Menge zu geben, bisher war kein Tag vergangen an dem nicht mindestens zwei, meist Schwarzbären, unseren Weg gekreuzt hatten, vor allem bei den Soap Berries trafen wir immer wieder auf die pelzigen Kolosse.
Heute schien seit langem endlich wieder die Sonne, wir genossen die schon fast vergessene Sommerwärme, während die Kinder am sandigen Flussufer zwischen den kreischenden Vögeln tobten und über die unzähligen Steine kletterten. Nach den vielen Fahrttagen konnten wir die Pause wirklich gebrauchen, es tat gut mal etwas anderes als den tuckernden Dieselmotor zu hören, das Rauschen des Flusses war eine willkommene Abwechslung.
Plötzlich schien sich das Sonnenlicht zu brechen, ein Strahlen blendete mich, dazu eine jauchzende Kinderstimme:
„Schaut mal was ich gefunden habe!“
Begeistert streckte uns Emma ihre Hände entgegen, auf denen ein sperriges „Etwas“ ruhte, dunkel schwarz, umgeben von einem seidig metallenem Glänzen:
„Eine Spielzeugpistole.“
Ich zog ihre Hand näher und betrachtete den Griff, auf dem man deutlich einen Markennamen erkennen konnte: P.BERETTA, darüber drei Pfeile.
Verschlafen rieb ich mir die Augen und nahm Emma den Revolver aus der Hand. Puh, zum Glück nicht geladen. Außerdem schien ein Teil zu fehlen, aber nur wenige Minuten später hatten die Mädchen auch den Rest gefunden und vor uns lag eine komplett zerlegte BERETTA, inklusive einem Sack neuer Patronen.
Wie kam die hierher?
Unauffällig musterte ich den Fluss, ob nicht auch gleich ein Teil des Besitzers aus den Fluten tauchen würde, plötzlich hatte ich das Gefühl, in einem Krimi zu spielen, ohne das Drehbuch zu kennen.
Hatte jemand die Waffe verloren, wenn ja wie? War sein Boot gekentert oder war die Waffe ins Wasser gefallen, als der Besitzer gerade danach greifen wollte? Hatte ihn ein Tier angefallen oder war er gar Opfer eines Verbrechens geworden?
Was wenn jemand die „Knarre“ hatte loswerden wollen?
Und was sollten wir jetzt nur damit anfangen?
Tom hatte einen Stapel Tüten aus dem Bus geholt und begann alles sorgfältig zu verpacken, Stück um Stück, verschwand ein Teil nach dem anderen in einem unförmigen Plastikmantel und landete auf einem kleinen unauffälligem Stapel neben dem Fahrersitz.
Morgen würde uns schon was einfallen….

„Wo haben Sie die Waffe denn gefunden?“
„An einem Fluss vor 40 Mile Flats“
Er schüttelt wieder den Kopf und kann es entweder nicht fassen, dass wir eine Waffe gefunden haben, oder dass wir sie direkt zur Polizei gebracht haben.
„Noch einmal vielen Dank, dass Sie die Pistole zu uns gebracht haben! Anhand der Seriennummer können wir jetzt Nachforschungen anstellen.“
Nachdem er unsere Namen und die Adresse notiert hat, schüttelt er uns ausgiebig die Hände und gibt uns noch ein Versprechen:
„Sobald wir etwas herausgefunden haben, werden wir Sie benachrichtigen.“

Brrr…kalt….

 

Kanada, Kilometerstand: 226 230
Mit einem Nerven aufreibendem Quietschen und völlig außer Takt wischen die zwei Wischblätter über die geteilte Frontscheibe, drängen das Regenwasser in Sturzbächen auf die Seite und geben durch einen feuchten Schleier den Blick auf die Straße frei. Dichter Nebel zieht sich vom Teer bis zu den Baumwipfeln, dunkle Schatten am Straßenrand lassen sich nicht kaum mehr in Tier und Pflanze unterscheiden und die gerade einsetzende Dämmerung verschluckt auch noch das letzte Bisschen Sicht.
Eine Pfütze sammelt sich langsam auf der ersten Treppenstufe dazu steht das Wasser in den Fenstergummis und durch die hintere Türe kommen Stoßweise ganze Bäche von Spritzwasser.
Paula, in eine dicke Decke gehüllt, schaut unheilvoll aus dem Fenster.
Die Heizung funktioniert nicht, natürlich, und die feuchte Kälte zieht uns langsam in die Knochen.
„Zuhause war`s gemütlicher!“ Vor Paulas Mund bildet sich ein leichter weißer Nebel, die Scheibe vor ihrem Gesicht beschlägt und sie beginnt mit ihrem Finger ein Bild darauf zu zeichnen.
Gestern noch hatten wir vom Winter in Alaska geträumt, weißen Gipfeln und knirschendem Schnee, doch jetzt, umgeben vom trüben Grau sehnen wir uns nach der wärmenden Sonne des Sommers, auch wenn die Worte unserer neuen Bekannten aus Alaska einen gewissen Zauber hinterlassen haben.
Kurz nach dem Rodeo hatten wir in Williams Lake eine Familie aus Juneau getroffen und auch wenn wir bis dahin die Hauptstadt Alaskas noch nicht besucht hatten, hatten uns die Bilder der umgebenden Natur schon immer begeistert, eine kleine Oase der Zivilisation inmitten des größten Wildnis Gebietes der USA.
Während der Regen noch immer gegen die Fenster klatscht, muss ich an ihre Begeisterung für den Winter denken, trotz einer für uns kaum vorstellbaren Kälte.
„Die Stille ist unglaublich!“ Ich sehe Gletscher vor meinen Augen entstehen, stelle mir das geheimnisvolle blaue Leuchten der riesigen Eisflächen vor, während ich den Erzählungen lausche, sehe Wale aus den Fluten steigen und Berge von Schnee, die bis an die schäumenden Wellen reichen.
„Bei uns kannst du sogar die Schneeflocken fallen hören!“
Auch sie waren unterwegs, unterwegs wie wir in einem ausgebauten Schulbus, nur in die entgegengesetzte Richtung….den restlichen Sommer wollten sie mit ihren beiden Töchtern im Süden verbringen, wir dagegen im hohen Norden.
Die Tropfen trommeln einen leisen Rhythmus, während wir aus dem Fenster starren, kleine Brachflächen rauschen an uns vorbei im Wechsel mit dichtem Gebüsch und plötzlich bricht die Sonne verheißungsvoll aus einem schmalen Spalt in der Wolkendecke, vertreibt den feuchten Dunst über der Straße für einen kurzen Augenblick. Da sehen wir ihn:
Grau, schlank, die hellen Augen in einem wuchtigen Schädel. Ein Wolf steht direkt neben uns im Straßengraben, schüttelt das Wasser in einem dichten Sprühnebel aus seinem Fell. Dann hebt er die Schnauze in die Luft, wittert, verschwindet mit einem leichten Trab hinter dem nächsten Hügel. Und obwohl gleich darauf die Sonne wieder dem trüben Grau weicht, haben wir das schlechte Wetter zumindest für einen Augenblick völlig vergessen.

Williams Lake

Juli, 01, Freitag, Kanada, Kilometerstand: 226 084
Vier Tage später :
Staub spritzt auf, in einem hohen Bogen fliegt der Cowboy nur wenige Meter vor uns auf den harten Boden, es knackt unangenehm und auf allen vieren krabbelnd versucht er aus der Reichweite der verzweifelt schlagenden Hufe zu kommen. Jetzt scheinen seine Beine den Dienst zu verweigern. Nur auf seine Ellenbogen gestützt schleppt er sich vorwärts, das Gesicht verzerrt, der kurze Augenblick, der nur wenige Sekunden gedauert haben kann, kommt uns vor wie Stunden. Dann endlich rennen die Sanitäter, der Clown in seinen viel zu weiten Hosen hüpft in die Arena und trällert Witzchen für das Publikum, versucht die Blicke von dem Drama, dass sich hinter ihm abspielt abzulenken.
Williams Lake, Stampede…das zweit größte Rodeo Nordamerikas, lasse ich mir erzählen, zumindest das wichtigste in BC, sei hier in dieser kleinen Stadt am Cariboo Highway zu finden, in der wir seit zwei Tagen unser Lager aufgeschlagen haben. Nach der ganzen Aufregung in der „Wildnis“ schien ein Ausflug in die nächste Stadt eine gute Idee zu sein.
Musik dröhnt plötzlich in voller Lautstärke, Queen :….we will, we will rock you….ein Beben fährt durch das Publikum, alles klatscht im Takt und die Stimme des Ansagers verkündet die Attraktion des Abends:
„Now ……Bull riiiiiiiiding…..“

Die Menschen um uns beginnen zu jubeln, alles tobt und kreischt, an den verletzten Reiter wird kein weiterer Gedanke verschwendet, während der Bulle wild bockend zwischen die aufgestellten Barrikaden stürmt und ein neuer Cowboy auf seinem Rücken verbissen gegen die Schwerkraft kämpft.
Ohne größere Zwischenstopps oder Pannen waren wir die letzten Tage von Narkusp über Revelstoke und Kamloops auf den Cariboo Highway gestoßen und waren ein ganzes Stück nach Norden vorgedrungen. Der Bus lief und wir wollten unser Glück nicht zu lange auf die Probe stellen, immerhin wollten wir noch vor Wintereinbruch nach Alaska kommen und mit dem ersten Schnee konnte man hier auf einigen Straßen schon ab Anfang September rechnen. Jetzt hatten wir immerhin schon den ersten Juli. Acht Wochen waren nicht zu viel Zeit für einmal Deadhorse und zurück, vom „Ende der Welt“ trennten uns momentan noch ca. 2800 Meilen davon 500 Meilen schlechte Schotterpiste. Hier in Williams Lake hatten wir uns erst einmal eine kurze Pause gegönnt und waren so durch Zufall mitten in ein Rodeo gestolpert.
Der Bulle wirft die Beine in die Luft, dreht und wendet sich, bäumt sich auf und buckelt, aber der Reiter lässt sich diesmal nicht abschütteln. Dann ein „Tröten“, die zehn Sekunden sind um, der Champion springt ab und nach einem letzten Aufbäumen trabt der Bulle aus der Arena.
Eine Attraktion jagt die nächste, vom Cowgirl Race über Kälbchen fangen und Wildpferd zähmen, vor dem Stadion sägt ein Künstler mit der Kettensäge Eulen und Bären aus abgelagerten Baumstämmen und die „Stampede Queen“ wandert strahlend durch die Menge, verteilt handsignierte Fotos an kleine Mädchen und posiert für jede Kamera. Der Wilde Westen hautnah, könnte man meinen, würde da nicht die Hüpfburg aus Plastik und der „Biergarten“ das Bild stören, aber selbst dieser Trubel scheint authentisch und schon immer da gewesen.
Nach zwei Stunden dröhnender Musik jedoch, Pferdeschweiß, Cowboyhüten und fliegendem Staub, sehne ich mich zurück nach der Ruhe in der Wildnis. Noch ein Weilchen verharren wir zwischen einer Gruppe „native Americans“, die ein wenig abseits von der Menschenmenge die Aussicht auf die Arena von einem Weg über den Viehweiden genießen, dann machen wir uns langsam auf den Weg zurück zu unserem Bus, zurück nach Hause.

 

 

How to be bear aware….

Juni, 27, Sonntag, Kanada, Kilometerstand: 225 717

Ein Wanderer nähert sich dem Trail, aus dem ich gerade noch gestürzt bin, verschwindet mit seinen beiden großen Hunden im Dunkel des kanadischen Waldes und kurz überlege ich ihn zu warnen, aber meine Füße spielen nicht mit. Mein Herz rast noch immer, die Knie schlottern, noch einmal werde ich diesen Wald nicht betreten, soviel ist sicher. Fürs erste ist der Weg ja frei von Bären…die sind gerade erst im Dickicht verschwunden.
Selbst am Nachmittag habe ich die Begegnung noch nicht ganz überwunden, ständig spielen mir meine Augen Streiche und überall scheinen riesige Untiere zu lauern, entfernen sich die Kinder einmal zu weit vom Bus bekomme ich die Panik.
Doch nicht nur die Bären bereiten uns Kopfzerbrechen, auch der Bus macht uns gerade Sorgen. Zwar haben wir in Narkusp den passenden Ersatz für die leckende Dieselleitung gefunden, aber der Wechsel gestaltet sich schwieriger als gedacht. An die Schrauben ist mit unserem Werkzeug kaum zu kommen und um den ganzen Schlauch von der Dieselpumpe zum Motor zu wechseln müsste zu viel zerlegt werden. Schweren Herzens entscheiden wir uns also, es bei der provisorischen Abdichtung zu belassen, auch wenn die verwendete Dichtmasse nicht unbedingt für Diesel geeignet ist, wird schon noch halten, hoffen wir.
Doch schon an der nächsten Rest Area erwartet uns eine böse Überraschung…wieder eine Pfütze unter dem Bus, diesmal ist es das Getriebe und langsam beginnen wir uns zu fragen, ob wir wohl jemals unser Ziel erreichen werden. Immerhin trennen uns von Prudhoe Bay noch einige tausend Kilometer, ob das unser alter Bus wohl noch durchhält? Was wenn er mitten auf dem Dalton Highway nicht mehr weiter will, und wir inmitten im „Niemandsland“ zwischen Grizzlys, Wölfen und wilden Elchen stranden?
Für den Fall studiere ich mit den Kindern das „Einmaleins für Bärenbegegnungen“…Be bear aware…
Zuerst kommen wir zu den Mythen, nett aufgeteilt in einem blau markierten Kästchen:
1. Gefütterte Bären sind zahm: FALSCH. Gefütterte Bären sind gefährlicher als wild lebende, weil sie erwarten vom Menschen gefüttert zu werden.
2. Schwarzbären sind nicht gefährlich: FALSCH. Schwarzbären sind genauso gefährlich für Menschen und Eigentum wie andere Bären.
3. Bären können nicht bergab rennen: FALSCH. Bären sind sehr gelenkig und können schnell bergab rennen.
4. Bären sind langsam: FALSCH. Bären können kurze Strecken mit hoher Geschwindigkeit zurücklegen (bis über 50km/h)
5. Bären können nicht schwimmen: FALSCH. Bären sind ausgezeichnete Langstreckenschwimmer.
Na das fängt doch schon mal sehr aufbauend an…
Was machen Sie, wenn ein Bär auf Sie zukommt? Langsam geht’s also ans Eingemachte:
Ein Bär der auf Sie zukommt, versetzt Sie in eine ernst zu nehmende Lage (wer hätte das gedacht!). Bleiben Sie ruhig und machen Sie ihr mitgeführtes Abwehrmittel zum Einsatz bereit (Abwehrmittel sind im Absatz vorher beschrieben: Bärspray oder Schusswaffen, bei Flinten mindestens Kaliber 30, die Möglichkeit nichts davon zu haben steht nicht zur Debatte). RENNEN SIE NIEMALS WEG! (Sag das mal meinen Beinen!), außer Sie können einen sicheren Aufenthaltsort erreichen. Zur Erinnerung: Einen Baum zu erklettern ist keine Garantie für Sicherheit. Behalten Sie ihren Rucksack auf, er könnte ihren Rücken und Nacken schützen (das sind ja rosige Aussichten).
Doch am interessantesten wird erst die letzte Seite:
Ein Zusammenstoß wird erst als Attacke bezeichnet, wenn der Bär Sie berührt.
WICHTIG: Ein defensiver Bär greift an, um eine Bedrohung abzuwenden. Bei einem defensiven Angriff ….stellen Sie sich tot.
Ein beutegieriger Bär will Sie fressen. Wenn er angreift stellen sie sich niemals tot, sondern kämpfen Sie und geben Sie nicht auf…Sie kämpfen um ihr Leben!
Na, da kann man ja nur hoffen, im Ernstfall richtig zu tippen und darauf vertrauen, dass der defensive Bär nicht plötzlich Hunger bekommt!
Die Mädchen finden es auf jeden Fall spannend und sind fast schon enttäuscht, als Tom fürs erste Entwarnung gibt.
Das Getriebe ist soweit in Ordnung, vorerst werden wir wohl nicht stehen bleiben und die praktische Erprobung unserer Selbstverteidigung bleibt uns zumindest für die nächsten Fahr-Tage erspart.

 

You are in Bear country oder Morgens um halb acht in British Columbia

Juni, 25, Freitag, Kanada, Kilometerstand: 225 615
Es ist kühl, das Gras durch das meine Füße wie ferngesteuert schlittern ist nass vom Regen in der Nacht und meine Hose schlägt kalt und triefend an meine Schenkel. Außer dem panischen klatschen meiner Tritte und dem dröhnenden Puls in meinen Ohren ist es gespenstisch still im Wald und doch weiß ich, sie ist noch immer hinter mir und sie ist schnell, unglaublich schnell.
Da, endlich taucht das Ende des Trails vor meinen Augen auf, hell leuchtet die Straße durch die kleine Öffnung zwischen den Bäumen, ein Licht am Ende des Tunnels, ein Funken Hoffnung in letzter Minute aber im selben Augenblick wird mir klar: Ich werde es nicht schaffen… unmöglich…. sie ist schneller, unglaublich viel schneller als ich!
Gestern waren wir von Castlegar in Richtung Nelson aufgebrochen, waren auf einen Parkplatz an der Straße gestrandet, nachdem wir ein Leck in der Dieselleitung entdeckt hatten und konnten uns so erst spät am Abend auf die Suche nach einem Schlafplatz machen.
In engen Kurven schraubte sich die Straße um die bewaldeten Hügel und langsam rollten wir durch die schwarzen Schatten, den die Bäume im letzten Licht des Tages auf die Straße warfen. Weit unter uns rauschte ein Fluss durch die bergigen Wälder, die sich bis in die Unendlichkeit zu erstrecken schienen, die Welt um uns herum schien nur noch aus grün zu bestehen, einem Grün aus tausend verschiedenen Schattierungen.
Tom hatte das Leck provisorisch geflickt, in der nächsten Ortschaft, von der uns noch gute 100 km trennten, wollten wir uns die passenden Ersatzteile besorgen, doch nur wenige Kilometer später wurden wir erneut zum Halten gezwungen.
Paula war von der vielen Kurverei bergauf und bergab schlecht geworden, es blieb uns also nichts anderes übrig, als auf einem kleinen Schotterplatz vor dem Waldrand unser Nachtlager aufzuschlagen, früh am nächsten Morgen dann, hatte ich mich mit Laika auf den Weg in den Wald gemacht.
Der Trail, der genau hinter unserem Parkplatz zwischen die Bäume führt, scheint des Öfteren benutzt zu werden, das lange Gras ist an mehreren Stellen niedergetrampelt und in den schlammigen Pfützen, die sich beim letzten Regen gebildet haben, lassen sich die Abdrücke von mehreren Hundepfoten finden. Der Geruch nach feuchter Erde liegt schwer in der Luft, mit den ersten Strahlen der Sonne steigt leichter Nebel auf und mit einem fröhlichen Summen auf den Lippen wandere ich auf dem breitem Trampelpfad durch das dschungelartige Gewirr aus Gräsern und Beerensträuchern.
Ein leises Geräusch reißt mich plötzlich aus meinen Gedanken, Laika hebt die Schnauze und wittert, spitzt die Ohren, doch der Pfad vor uns führt um eine enge Kurve und lässt nichts erkennen.
Noch vier Schritte, drei, zwei…vor mir taucht eine kleine Lichtung auf und da sehe ich sie: zotteliges, dunkles Fell, ein massiger Kopf mit kleinen Knopfaugen, die leicht geöffnete Schnauze, lange Krallen an den riesigen Tatzen, ein Bild, dass sich in einem winzigen Augenblick auf meine Netzhaut brennt: eine Bärin steht nur wenige Meter entfernt von mir auf dem dampfenden Waldboden, rechts und links flankiert von ihren zwei Babys.
Meine Gedanken beginnen zu rasen, tausend Geschichten jagen durch meinen Kopf, Geschichten über angreifende Bären die ihren Nachwuchs verteidigen, blutige Szenen wie aus Horrorfilmen, die ich in meiner Jugend aufgesaugt hatte ein Schwamm das dreckige Spülwasser, Abenteuer in der Wildnis mit der richtigen Würze von Gefahr.
Die reale Gefahr allerdings behagt mir weit weniger, jede einzelne Faser meines Körpers scheint sich plötzlich zusammen zu ziehen unter einem Schock von Adrenalin und mit einem Mal ist mein Kopf leer bis auf einen einzigen Gedanken: FLUCHT!
Wie von selbst beginnen meine Beine zu laufen, ich werfe mich herum und renne, renne wie noch nie in meinem Leben und Laika, neben mir an der Leine scheint wenigstens diesmal mit mir einer Meinung zu sein.
Klatschend höre ich meine Schritte durch die Pfützen hasten, neben mir das hechelnde Keuchen des Hundes, das Wasser spritzt in Fontänen über den rutschigen Boden und ein blättriger Ast streift wie kalter Atem über die Haut meiner linken Wange. Weg, nur weg…..Meter um Meter vergrößert sich der Abstand zur verhängnisvollen Lichtung.
Doch plötzlich beschleicht mich ein Gefühl der Panik, ein Gefühl unabwendbarer Gefahr und mit einem kalten Schaudern auf dem Rücken drehe ich im Rennen für einen kurzen Augenblick den Kopf und da sehe ich sie:
In einem leichten Galopp sind sie mir auf den Fersen und obwohl ich alle meine Kräfte sammle, wird der Abstand in Sekundenschnelle kleiner. Alle drei Bären kommen näher und näher, schon kann ich die kleinen Atemwolken in der kühlen Luft des Morgens sehen, die Tatzen, die sich hinter uns in den weichen Waldboden drücken und plötzlich weiß ich, ich werde es nicht schaffen. Der Waldrand ist zu weit, die Bären zu schnell….sie werden mich einholen und ich kann nichts dagegen machen.
Ratschläge rasen durch meinen Kopf, wie verhalte ich mich bei Bärenbegegnungen: Ruhig bleiben, groß machen…
In einem resignierenden Anfall von Gleichgültigkeit werde ich plötzlich langsamer und wende mich der Bärin und ihrem Nachwuchs zu, ergreife meine letzte Chance zur Verteidigung: Langsam hebe ich meine Arme in die Luft, „HEY“ schreie ich sie an, und selbst Laika lässt ein halbherziges „WUFF“ vernehmen. Und doch habe ich nicht die Kraft in ihre Augen zu blicken, mich mit ihr zu messen. Wieder kehre ich ihr den Rücken zu und laufe langsam auf den Waldrand zu, erwarte jeden Moment den unabwendbaren Angriff. Doch als ich mich das nächste Mal umdrehe ist die Bärin samt Kindern verschwunden.
Mit weichen Knien und einem flauen Magen klettere ich nur wenige Minuten später in den Bus und lasse mich auf die Sitzbank am Tisch fallen.
„Ein Bär…“ ich zeige nach draußen auf den Wald und meine Finger zittern.

ein anderer Bär, diesmal in angenehmer Entfernung

Border crossing – Kanada wir kommen

 

Juni, 23, Donnerstag, Kanada, Kilometerstand: 225 574
„Viel zu heiß!“ Gerade angekommen, prüft Tom mit seinem Infrarot Messgerät die Bremsen, die vorne rechts ist um über 30 °C heißer als die anderen.
„Die hier ist anscheinend fest!“ schon hat er den Wagenheber unter den Bus geschoben und den Werkzeugkoffer auf den Teerboden gehieft, die ersten Arbeiten werden also fällig und das schon nach 66 Meilen.
Vor einer knappen Stunde erst hatten wir die kanadische Grenze überquert und hatten doch tatsächlich dieselbe Restarea wiedergefunden, auf der wir vor fünf Jahren einen VW Bus voller Hippies getroffen hatten. Heute waren wir bis jetzt die einzigen Gäste und das laute Rauschen des vorbei fließenden Baches weckte lang vergessen geglaubte Erinnerungen an damals. Die überzogene Angst der jungen Leute vor dem Grenzübertritt in die USA und deren Versuch alle eingepackten Drogen davor noch rechtzeitig zu verbrauchen, der Geruch nach Patschuli und süßliche Rauchschwaden die über den Parkplatz wabberten.
Auch diesmal war die Grenzüberquerung völlig Problemlos verlaufen, in fünf Minuten hatte der kanadische Polizist die Pässe kontrolliert und uns dann durch gewinkt, weder Fahrzeugpapiere noch Führerschein hatten ihn interessiert.
Hinter mir klirrt ein Schraubenschlüssel auf den Boden, bald ist die blockierte Bremse repariert und die Radmuttern nachgezogen, ansonsten scheint bis jetzt alles zu funktionieren.
Ein Mark erschütternder Schrei ertönt plötzlich durch die Büsche und mein Magen verkrampft sich schlagartig, doch gerade als ich losstürmen will, setzt der Gesang ein:
„Hejaaaa, Hejooooo,….“ Die Mädels haben den Fluss erobert und spielen Indianer, der Gesang ist hoch und durchdringend, ganz so wie sie es in Kettle Falls selbst erlebt haben.
Vor einem selbst gebauten Staudamm wird ein Lager errichtet, werden Fische gefangen und geräuchert, aus Ästen und spitzen Steinen Werkzeug und Waffen hergestellt.
„Warum eigentlich haben die Menschen da die Wasserfälle überflutet?“
Noch immer nagt das Erlebte an ihnen, immer wieder werden Tom und ich mit Fragen überhäuft.
„Sie haben den Stausee für die Stromerzeugung angelegt, das Wasser fließt durch Turbinen ab und erzeugt so jede Menge Elektrizität.
„Aber warum brauchen die so viel Strom?“
„Tja, heutzutage braucht eigentlich jeder Strom, für die meisten Dinge: Elektroherd, Kühlschrank, Kaffeemaschine, Fernseher und Computer und natürlich um Dinge zu produzieren.“
„Was produzieren?“
„Hmmm, Spielzeug, Kleidung, alles was man mehr oder weniger braucht.“
„Und warum haben die dann eigentlich keine Fischtreppe gebaut?“
Hier fehlt auch uns die passende Antwort und nachdenklich spielen die Kinder weiter, können nicht verstehen, wie so etwas Wichtiges nicht mit eingeplant wurde und das obwohl sich die „First Nations“ schon Jahrelang dafür einsetzten.
Dann greifen wir uns alle ein paar Kiesel aus dem Wasser und beginnen zu klopfen, ganz so, wie es uns Lynn aus dem Museum noch einmal gezeigt hat.
Tok, tok, tok, tok….Tok, tok, tok,tok….
Gemeinsam klopfen wir den Lockruf für die Lachse, die sich weit, weit weg, vielleicht gerade jetzt vor dem Staudamm sammeln und hoffen das diesmal die Vision wahr wird, hoffen auf eine Fischtreppe, hoffen für die First Nations.

 

Some people have a dream

Juni 21, Dienstag, Kettle Falls, Kilometerstand: 225535 Miles

Nur knapp 30 Meilen entfernt von Chewellah:
Dumpf ertönt der Trommelschlag neben uns, während die Kanus dagegen fast geräuschlos übers Wasser gleiten und der Boden unter unseren Füßen beginnt im Takt zu vibrieren.
„Dumm, dudumm…..dumm, dudumm…..dumm,dudumm….“
Ein Ruder platscht ins Wasser, dann setzten die Gesänge ein.
„Heyaaa, heyaaaa, heyaaa, …..“ die Intensität der kehligen Stimmen jagt mir eine Gänsehaut über die Arme, ein Pfeifen ertönt schrill, trägt seinen hohen Ton bis weit hinaus über das glitzernde Wasser, über die Wellen des Kolumbia Rivers bis in die Tiefen des Ozeans und ruft nach den Lachsen.
Kettle Falls, ein kleines Örtchen kurz vor der Kanadischen Grenze kämpft mit den Native Americans für den Erhalt der Natur, ganze vierhundert Menschen haben sich für ein Ritual am Flussufer zusammen gefunden, warten auf die über zwölf Kanus, die sich auf dem Wasser nähern.
Mehrere Stämme der „Columbia United Tribes“ haben in jeweils einem Jahr ein Boot gefertigt und haben sich darin auf den Weg nach Kettle Falls gemacht, manch einer musste dafür mehr als 100 Meilen zurücklegen. Der erste Bug schrammt über das Ufer, alle beginnen zu jubeln, die dröhnenden Trommeln heben an zu einem letzten Wirbel, dann steigt einer der Stammesführer aus dem Kanu.
Lange Federn umrahmen das ernste Gesicht, bunte Ketten liegen auf seiner mit Perlen bestickten Weste. Wieder ein Pfeifen, dann ein ansteckendes Lachen und gemeinsam beginnen alle die schweren, mit Ornamenten beschnitzten Boote an Land zu tragen.
Der Grand Coulee Dam ist heute der Grund für die Zusammenkunft der vielen verschiedenen Stämme, vor über 70 Jahren errichtet hat er die einstigen Wasserfälle und „Fischgründe“ der „Indianer“ überflutet und versperrt seitdem den Lachsen den Weg zu ihren Laichplätzen. Seit 1941 können diese nicht mehr in den Columbia River, seit damals kämpfen die Stämme der Native Americans für eine Veränderung, schon eine einfache Fischtreppe könnte ihre Situation verbessern.
Einige Zeit später, nach einer Begrüßungszeremonie und einem gemeinsamen Essen, sind die Menschen zurück am Fluss, bis zu den Knöcheln steht einer der Ältesten im Wasser und klopft zwei Steine sacht gegeneinander. Zu dem leisen Klopfen ertönt eine rhythmische Trommel und mit eindringlichen Worten erklärt der Mann das alte Ritual.
Die Lachse graben mit ihrem Schwanz eine Rinne in die Kiesel am Grunde des Flusses, erfahren alle Interessierten, und durch die schlängelnden Bewegungen ertönt ein gleichmäßiges Geräusch, ein leises „Klicken und Klacken“ das durch das Wasser weiter getragen wird und den anderen Fischen den Weg weist, sie zurück zu den Laichplätzen leitet.
Das leise Klopfen der Flusskiesel in seinen Händen klingt gleichmäßig und beständig, klopft weiter und weiter und vor meinen geschlossenen Augen sehe ich, wie sich die Lachse über den Grund des Flusses schlängeln und mit ihren Schwänzen gegen die Steine schlagen.
Dann plötzlich ein anderes Geräusch, die Schwingen eines großen Vogels….ein Adler fliegt tief über die Köpfe der Menschenmenge, verschwindet zwischen den Bäumen des umliegenden Waldes. Nur wenige Sekunden später kehrt er zurück, jetzt hält er etwas in seinen Klauen, es ist ein Fisch, den er zurück über den Columbia River trägt.
Und in diesem Augenblick sind sich alle einig: Diesmal haben wir eine Chance, dieses eine Mal werden wir etwas erreichen, für den Fluss, für die Tiere und die Menschen.

Frankie goes north

Juni 2016, Chewelah, Kilometerstand: 225508 Miles

Verschlafen taste ich nach dem Aufwachen nach der kleinen Armbanduhr, 6.00 Uhr leuchtet auf der Digitalanzeige, sechs Uhr am letzten Morgen in Chewelah.
Die Mädchen schlafen noch, doch Tom kriecht schon aus den Federn und sucht verschlafen nach der Hundeleine, Laika steht vor der Bustür und wedelt.
Leise köchelt der Teekessel auf dem Gasofen, vier Tassen und vier Teller stehen schon auf dem Tisch, dazwischen Toastbrot, Marmelade und Nutella, als es leise klopft. Kristin, Emma und Paulas Freundin von nebenan, steht vor der Türe und will sich verabschieden, doch die Mädels sind kaum wach zu kriegen. Während ich an meinem Grüntee nippe, kuscheln sie noch in den Decken und wollen nicht aufstehen.
Die letzten Tage waren anstrengend gewesen, soviel musste noch erledigt werden, so viel vorbereitet und verstaut, doch jetzt ist der Bus voll bepackt und zur Abfahrt bereit.
Langsam klettern beide aus dem Bett, machen sich noch einmal auf den Weg zum Nachbarshaus, noch fünf Minuten zu Kristin, während wir uns von Chris und Margo verabschieden. Die Hintertüre quietscht, als wir in die Küche gehen, Margo hat uns bereits erwartet und drückt uns an sich.
„Have a nice trip“ Sie lächelt zum Abschied und auch Chris gibt uns die Hand.
So lange hatten wir jetzt Tür an Tür gewohnt, soviel erlebt, miteinander gearbeitet, gelacht und geweint.
Gemeinsam verlassen wir das Haus, ein letzter Blick in den hohlen Baum, in dem ein Specht sein Nest gebaut hat, ein letztes Winken von Kristin und schon rollen wir aus der Einfahrt. Der Motor läuft und die Teller in den Schränken klappern, ein kleiner Ast des Kirschbaumes bricht krachend und fällt zu Boden.
Dann verschwindet die rote Backsteinmauer von Margos kleinem Häuschen hinter der nächsten Kurve und wir sind endlich „on the road“.
Häuser rauschen an uns vorbei, Häuser die uns in den letzten Wochen ans Herz gewachsen waren, der kleine Bach in dem wir gebadet haben schlängelt sich neben der Straße, dann kommt Zips, mit dem wunderbaren Softeis, die Second Hand Läden, der Stadtpark mit dem Spielplatz, die Schule, der Parkplatz mit all den schönen Schulbussen. Eine letzte Kurve und Chewelah verschwindet hinter uns im Rückspiegel und wir machen uns auf den Weg nach Norden.