Der Bus kränkelt

 

Kanada, Kilometerstand: 227 347
Erleichtert kommen wir aus der Polizeistation, doch unser Hochgefühl wird nach einem Blick auf den Schulbus schon im nächsten Augenblick wieder gedämpft. Die vielen Kilometer sind nicht ohne Spuren an unserem Mobile Home vorbeigegangen, zwar ist die Heizung inzwischen repariert, aber viele Kleinigkeiten haben sich langsam aber sicher zu einem Berg angehäuft. Ohne einen Boxenstopp werden wir wohl kaum bis nach Alaska kommen, geschweige denn auf den Dalton Highway. Was uns jetzt fehlt ist der geeignete Platz um die nötigen Reparaturen zu erledigen, ein Platz zum Erholen und zum Seele baumeln lassen, am besten in netter Gesellschaft.
Nur wenige Kilometer nach der Abfahrt in Richtung Dawson City rollen wir eine halbe Stunde später über eine löchrige Hofeinfahrt, BOYLEVILLE verkündet daneben ein grünlich verfärbtes Holzschild, die Buchstaben genagelt aus kleinen Ästchen. Boyle ville… Boyle… sofort drängt sich mir ein Bild auf, ein Bild von einem bunten Schulbus mit Ziegen auf dem Dach, vollgepackt mit einer Ladung Hippies. Star und ihre Freunde auf dem Weg nach Alaska aus T.C. Boyles Buch „Drop City“. Gemeinsam hatten sie sich von Kalifornien auf den Weg in den hohen Norden gemacht, um dort in den Weiten der Natur einen friedlichen Platz zum Leben zu finden.
Ein einsamer Hund beginnt zu heulen, dann ein nächster und noch einer, bis sich ein Chor duzender Stimmen zu einem jaulenden Begrüßungskonzert vereint, eine Meute Huskys springt aufgeregt durch ihren „Dogyard“, die Kobalt blauen Augen an unsere Schritte geheftet.
Wir hoffen, den friedlichen Platz zum Bleiben schon gefunden zu haben, hoffen hier in Boyleville, dem Zuhause von Gerry und Darcy, wenn auch nicht unser Leben, doch zumindest die nächsten Tage verbringen zu können, bevor wir uns, wie die Kommune aus dem Buch wieder auf den Weg nach Norden machen.
Schon vor Wochen hatten wir mit den Beiden Kontakt aufgenommen, hatten uns gefreut auf ein Wiedersehen nach langer Zeit. Kennengelernt hatte ich Gerry vor etwa 25 Jahren, damals hatte er in meiner Lieblingsdisco als Diskjockey gearbeitet, war kurz darauf nach Kanada ausgewandert und hatte dort als Musher Fuß gefasst. Schon mehrmals hatte er am Iditarod teilgenommen, einem der härtesten und längsten Hundeschlittenrennen, das über 1000 Meilen quer durch Alaska führt, und hatte mit seinen Hunden, bei diesem und auch anderen Rennen, immer wieder gute Plätze belegt. Inzwischen warteten an die 50 Huskys vor seinem Blockhaus auf ihr tägliches Training. Er hatte uns eingeladen ihn jederzeit zu besuchen, wir könnten bleiben solange wir wollen und jetzt war genau der richtige Zeitpunkt.
Noch immer rennen die Hunde hechelnd um ihre Hütten und Laika verkriecht sich ängstlich unter dem Tisch, die Kinder dagegen springen aufgeregt nach draußen.
Vor einer fast fertigen „Gästeblockhütte“ dürfen wir unser „Lager“ aufschlagen und noch während wir den Bus parken stürmen die Mädchen durch die ausgehobenen Gräben für Wasser und Strom, fantasieren sich in ein unterirdisches Labyrinth voller Geheimnisse und Abenteuer und auch Leo (der kleine Sohn von Gerry und Darcy) ist begeistert dabei.
Drei Tage genießen wir diesen wunderbaren Ort, erfahren Unmengen über Hundeschlitten, Husky Haltung und Fütterung, rennen mit den Welpen um die Wette, spielen mit Leo und ganz nebenbei wird der Bus gehegt und gepflegt (die Gasleitung muss abgedichtet werden, ein neuer Druckminderer besorgt, eine Spiegelhalterung geschweißt, ein Reifen geflickt, der Ölwechsel ist fällig, und abgeschmiert werden muss auch…). Am dritten Tag ist es dann soweit, alle Arbeiten sind erledigt und wir können das nächste Stück nordwärts wagen, können wieder ein Stück weiter in die Wildnis vordringen, weiter nach Alaska.
Trotz allem fällt uns der Abschied schwer, die Mädchen können sich kaum von den Hunden und Leo trennen und auch wir genießen die nette Gesellschaft. Doch die Zeit drängt. Immerhin ist es inzwischen Mitte Juli und wenn wir es im Sommer noch auf den Dalton Highway schaffen wollen, sollten wir uns langsam beeilen, denn immerhin fehlen uns bis dahin noch an die 2000 Meilen.
Der Motor tuckert und die Mädchen winken, während Tom zum letzten Mal vor der Abfahrt um den Schulbus läuft, dann plötzlich ein Schrei:
„Mach den Motor aus, schnell“ erschrocken ziehe ich den Hebel, bis der Motor erstirbt.
„Alles voller Kühlwasser…“ er schüttelt den Kopf,
„Das sieht nicht gut aus, hoffentlich ist es nicht die Wasserpumpe!“

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