Durch die Wildnis und zurück

Alaska, Meilenstand 228.796

Dunkle Wolken brauen sich über uns zusammen, eine tiefe Schwärze liegt über den gewaltigen Seen, die sich vor uns ausbreiten, ansonsten sieht man nur das dichte Grün der undurchdringlichen Wälder. Röhrend hebt ein Wasserflugzeug aus den Fluten, dreht einen kleinen Kreis über unser Camp, nur um dann in den undurchdringlichen Weiten Alaskas zu verschwinden.

Wir kriechen derweil unter unseren Schulbus, liegen Seite an Seite auf dem kühlen Teer und betrachten mit gerunzelter Stirn einen unserer Hinterreifen. Ein ca. 20 cm langer Riss zieht sich durch den Mantel, die Kanten klaffen ungut auseinander, trotzdem lässt sich die Tiefe kaum abschätzen.

Eigentlich hatten wir uns, nach unserem Ausflug in Richtung Valdez, wieder auf den Weg zurück nach Kanada machen wollen, doch jetzt bin ich fast froh um den Aufschub.

Ich spüre Toms warme Schulter neben meiner, während sich einige Steinchen in meinen Rücken bohren und über uns der erste Donner über den Himmel rollt.

„Wir sollten umkehren, zurück nach Fairbanks!“,

„Mit dem Reifen kommen wir nie bis nach Whitehorse!“, da stimme ich ihm auf Anhieb zu.

Die ersten Regentropfen fallen neben uns auf den Boden, hinterlassen dunkle Flecken auf dem trockenen Straßenbelag und ein kleines Bächlein schlängelt sich unangenehm feucht unter meinen Rücken. Wir robben aus unserer Deckung und klettern zu den tobenden Mädchen ins Innere, versuchen dabei einen Plan für die nächsten Tage zu entwerfen.

„Erstmal brauchen wir einen Reifenhändler, der die passenden Reifen hat!“

Auf den Hinterachsen haben wir auf eine nicht ganz gängige Größe mit Gelände-Profil, jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass sich das in Fairbanks auch auftreiben lässt.

Tom greift sich das Handy um eine Nachricht an Darcy zu schreiben, deren Bruder in Fairbanks lebt.

„Vielleicht kann er uns ein paar Nummern raussuchen!“

Und während der Regen auf uns niederprasselt, tippen wir schon bald die erste Nummer in unser Handy.

„Hi, we need used tires….”

Einer nach dem anderen sagt ab, doch dann endlich, „Giant Tire“ in Fairbanks hat angeblich genau den richtigen Reifen für uns vorrätig, gebraucht und nicht zu teuer. Dem Himmel sei Dank!

Nur knappe zwei Tage später allerdings, bekommt unsere Vorfreude einen „satten“ Dämpfer. Etwas ratlos stehen wir vor einem Verkäufer des Giant Tires in Fairbanks und versuchen zum wiederholten Male auf die versprochenen Reifen zu verweisen, der untersetzte Mann jedoch zeigt uns die kalte Schulter

„We called you about the tires…“, versucht es Tom zum letzten Mal,

„I am sorry“ er schüttelt ungerührt den Kopf.

„I looked about in the shop…no used tires, the only ones I could find are new. They are about 500 Dollars each.”

Ungläubig starren wir ihn an und versuchen ihm klar zu machen, dass wir die letzten Tage ganze 300 Meilen zurückgelegt hatten, nur um an die versprochenen Reifen zu gelangen. Der ursprüngliche 20 cm Riss war inzwischen fast um den kompletten Reifen gewandert, jetzt würden wir damit sicher nicht mehr weit kommen.

Der Verkäufer allerdings lässt sich nicht erweichen: „You can take the new ones“ ist alles, was er dazu zu sagen hat.

Wieder hängen wir an der “Strippe”, anstatt unsere Zeit mit weiteren Diskussionen zu verschwenden, konzentrieren wir uns lieber noch einmal auf die Suche rund um Fairbanks.

„Phelps“ ein anderer Reifenshop außerhalb hört sich ganz vielversprechend an und nach einer erneuten Zusage, machen wir uns auf den Weg ins Industriegebiet. Am Ende einer Schotterstraße finden wir nach einer weiteren halben Stunde die kleine Werkstatt.

Einige Reifen türmen sich davor im hohen Gras, die dichten Büsche die neben der Straße wuchern, scheinen die Gebäude fast zu verschlucken und ohne viel Zuversicht verschwindet Tom im offenen „Schlund“ der dunklen Werkstatt.

Doch diesmal haben wir Glück: Phelps hat die gesuchten Reifen, mit montieren auf die alten Felgen und wechseln, zahlen wir insgesamt nur 350 Dollar für zwei Stück, dazu gibt es noch zwei riesige Tassen Kaffee gratis als Zugabe.

Eine Stunde später stehen wir dann vor einer Kreuzung in Fairbanks:

Um nach Kanada zu kommen müssten wir jetzt geradeaus fahren, doch mit einem einverständlichen Nicken lenken wir unseren Bus nach rechts….Denali Park 106 Meilen…noch können wir Alaska nicht den Rücken kehren…

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