Endlich in Alaska

 

 

Alaska, Kilometerstand 227 793

Obwohl es draußen noch nicht dunkel ist fühle ich mich nicht ganz wohl auf dem engen geschotterten Weg. Eine steile Kurve führt irgendwo ins Nichts, rechts und links dichtes Buschwerk, das geisterhaft blass wirkt unter dem Staub der trockenen Straße. Äste wippen über uns, ausgefahrene Rillen zwischen dichten Gestrüpp, uns ergreift das Gefühl irgendwo im Brasilianischen Dschungel gelandet zu sein, keine Menschenseele weit und breit.

Darcys Geschichten kribbeln im Hinterkopf, am Abend vor der Abfahrt hatten wir noch „Horrorgeschichten“ ausgetauscht, eine ihrer Erzählungen über die nächtliche Fahrt ihrer Freunde war mir besonders gut im Gedächtnis haften geblieben.

„It was getting dark…but the moon was shining bright…“, ich konnte ihr Gesicht vor mir sehen, hörte ihre leise eindringliche Stimme.

„They came around a corner and there was something on the street, but they couldn`t stop. It was a roadkill…”

Ich sah die Geschehnisse wie in einem Film vor mir ablaufen: Das Auto, das tote Tier über das ihre Freunde in der Dunkelheit rollten, den Schock in den Gesichtern. Ich sah das Auto am Straßenrand, weißes Mondlicht auf dem dunklen Dach des Wagens. Dann die Wölfe. Riesige Geschöpfe, ein ganzes Rudel, das um das Auto schlich, Die langen Schnauzen, die das frische Blut schon von weitem gewittert hatten.

Eine Gänsehaut kriecht mir über den Rücken und ich merke wie mir kalt wird. Die langen Zweige scheinen plötzlich wie Finger nach uns zu greifen, lange Schatten tanzen über die schmale Straße.

Heute Morgen waren wir von Dawson City aufgebrochen, hatten die vielen Saloons und alten Holzhäuser aus der Zeit des Goldrausches hinter uns gelassen und uns über den Sagen umwobenen „Top oft the world Highway“ in Richtung Alaska auf den Weg gemacht. Im Schritttempo mussten wir über die mit Schlaglöchern durchsetzte Schotterpiste kriechen, die sich Kilometer um Kilometer nach oben schraubte, bis wir endlich den Kamm einer massiven Bergkette erreicht hatten. Die Aussicht dort, auf die unendlichen Wälder, gab uns das Gefühl, irgendwo im Nichts gelandet zu sein, nur dichtes Grün, das wie Meerwasser über Hügelketten floss, kilometerweite unberührte Natur, dazwischen unser Schulbus, so klein wie der Kopf einer Stecknadel.

Kurz nach der Grenze waren wir wieder in das dichte Gestrüpp der Wälder getaucht, seit etwa einer halben Stunde rollten wir nun entlang eines Flusses durch die Wildnis Alaskas, begleitet nur von den Handteller großen Spuren eines einsamen Elches am Straßenrand.

Ich frage mich, wie viel Bären hier wohl durch die Wälder streifen und erwarte schon hinter jeder Kurve auf einen zu treffen, aber den ganzen Tag über lässt sich kein Wildtier blicken. Dafür treffen wir jetzt immer wieder auf Goldsucher, ganze Gruppen von Männern, die mit ihren Goldwaschpfannen im Wasser stehen und nach den Nuggets suchen, die es hier tatsächlich noch ausreichend geben soll. Vereinzelt finden sich sogar Camps  entlang des Flusses, Zelte zwischen durchwühlter Erde, Goldwaschpfannen und Lagerfeuer, die ganze Landschaft wirkt wie die Kulisse eines alten Westerns und der Geruch von gebratenem Speck und Holzfeuer liegt schwer in der Luft.

Kurz bevor die Sonne untergeht rollen wir auf die Campsite Nr. 27, angelegt wie ein kleiner Kreis  reihen sich an die fünfzehn Parkbuchten aneinander, in der Mitte ein Pavillon und ein Plumpsklo, der erste Zeltplatz auf dem Boden Alaskas. Nur ein anderes Fahrzeug gesellt sich zu uns, trotzdem ist uns wohler, die erste Nacht nicht alleine in der „Wildnis“ zu verbringen. Bei der Mittagspause erst hatten wir in einem Gebüsch neben der Straße mehrere von Bären aufgebissene Konservendosen entdeckt, viel dicker erscheint mir das Blech des Busses kaum und die Nähe zu anderen Menschen vermittelt zumindest ein wages Gefühl von Sicherheit.

Doch nur wenige Augenblicke später beginnt es zu bröckeln. Mit einem Kanister in der Hand hatten wir uns auf den Weg zum Trinkwasserhahn gemacht, darüber prangt ein riesiges Plakat, darauf das ausdrucksstarke Bild eines Grizzlys:

„ATTENTION BEARS IN AREA!“

Bei 90.000 Bären im Land wohl eher nicht verwunderlich, denke ich bei mir:

“Bears have been sighted in the Walker Fork area. They are curios and investigating everything, particularly things that smell good.”

Dann jedoch muss ich schlucken:

„In campground on:“ dahinter kam eine Liste mit mehreren Daten, unter anderem den 23. und 25. August, Grizz stand abgekürzt dahinter und ich brauchte nicht viel Phantasie um mir auszumalen, was das wohl heißen mochte. Heute ist der 27. August,  und unser Hund Laika, die wir beim Bus gelassen haben, beginnt plötzlich zu bellen. Tom packt den inzwischen aufgefüllten Kanister und noch während wir den letzten Satz lesen, beginnen wir zu rennen:

„Never leave your pet unattendet…it might attract wild animals…”

Der Schotter knirscht unter unseren hastigen Schritten und mein Herz beginnt zu rasen, das Bellen steigert sich derweil zu einem hysterischen Crescendo.

Endlich sehen wir die Schnauze des alten Schulbusses vor uns auftauchen, nach Luft schnappend sprinten wir die letzten Meter, sehen die braune Leine in den dichten Ästen eines Gebüsches verschwinden.

„Laika, Laika…“

Panisch zerre ich an dem ausgebleichten Riemen, während Tom die Äste auseinander schlägt und endlich taucht der helle Kopf unseres Hundes aus dem dichten Grün.

Ein Grauhörnchen, greift die Gelegenheit beim Schopf und flüchtet laut keckernd aus Laikas Reichweite, was einen erneuten Schwall wütendes Gebell auslöst, dann beginnt unser „Wachhund“ angesteckt durch die ganze Aufregung begeistert um unsere Füße zu springen.

Ein Schwall Flüche bricht aus mir heraus, bevor ich erleichtert zu kichern beginne….Abenteuer Alaska….jetzt endlich sind wir mitten drin!!!

 

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