Im wilden Yukon

//Im wilden Yukon

Im wilden Yukon

„Maamaaa!“ ein Schrei riss mich aus meinen Gedanken und alarmiert blickte ich aus dem hölzernen Pavillon, in dessen Ofen inzwischen ein lustiges Feuerchen knisterte. Erst heute hatten wir die Grenze Alaskas überquert und waren zurück ins Yukon Territorium gekommen, auf einem einsamen Campingplatz dort, hatten wir neben einem kleinen See geparkt, dessen glasklares Wasser fast wie ein Spiegel wirkte.

Suchend huschte mein Blick durch das lichte Gebüsch, das unsere Campsite begrenzte, aber die Mädchen konnte ich nicht entdecken,

„Maamaa, Hilfeee!“ Paulas Stimme schien sich fast zu überschlagen und ich merkte wie Panik durch meinen Körper schoss,

„Was ist passiert, wo seid ihr?“

„Ein Tier, ein riesiges Tier,…hier oben…“ scheppernd fiel die Axt zu Boden, mit der Tom gerade noch Holz gespalten hatte und nebeneinander spurteten wir ins Gebüsch, in die Richtung aus der die Stimme zu kommen schien.

„Ein Bär? Ist da ein Bär?“

„Nein, aber es sieht so gruselig aus…ich hab Angst!“

Zweige klatschten mir gegen die Beine, rissen an meiner Hose und keuchend folgte ich Toms langen Schritten.

Ein Wummern drang an unser Ohr, „Emma mach auf…“, trommelnde Fäuste auf Holz, dann das Quietschen einer Türe und endlich wussten wir, wo sie waren.

„Das Klohäuschen…“ Tom deutete nach rechts, sprang über einen halbhohen Baumstumpft und nur Sekunden später tauchten endlich die Umrisse des kleinen Gebäudes aus den Bäumen. Die Tür flog auf und während die Mädchen mit ungewohnt blassen Gesichtern auf uns zu stürmten, musterte ich besorgt die Umgebung. Zu gut hatte ich meine Begegnung mit der Schwarzbärin noch im Gedächtnis und als ich meinen Arm um Paula schloss, merkte ich wie meine Hände zitterten.

„Da oben, auf dem Holzstoß…!“ Atemlos deutete sie auf den Haufen Brennholz, der sich nicht weit entfernt in die Höhe reckte und Emma, die sich erleichtert an Toms Arm klammerte, nickte bestätigend,

„Ja, ganz oben… ist da gekauert wie eine Katze, aber jetzt ist sie weg…“ aufgeregt fiel ihr Paula ins Wort:

„…Sie war ganz gelb und der Kopf war klein, der Körper dafür riesig und sie hat mich die ganze Zeit angeguckt!“ sie schluckte schwer und wurde noch eine Nuance weißer im Gesicht, während wir uns Schritt um Schritt zurückzogen. Nirgends war etwas zu sehen, kein Geräusch zu hören, nur der Ruf eines einsamen Eistauchers hallte über den glatten See und ich merkte wie mir eine Gänsehaut über den Rücken lief. Stückchen für Stückchen näherten wir uns dem Schulbus, unserem sicheren Rückzugsort zwischen Wildnis und Einsamkeit und als ich endlich seine metallene Hülle unter meinen Händen spürte, wurde mir fast schlecht vor Erleichterung.

Wenig später schüttelte ich noch immer ungläubig den Kopf. Zusammen hatten wir in einem Tierbestimmungsbuch nachgeschlagen und ohne sich beirren zu lassen, deuteten Paula und Emma auf den geschmeidigen Körper eines nordamerikanischen Pumas.

„Genauso hat sie ausgesehen! Wie ´ne Katze, groß und gelb!“

Gemeinsam überflogen wir den kleinen Abschnitt: „Seine Schulterhöhe beträgt 60 bis 90 Zentimeter, die Kopf-Rumpf-Länge beim Männchen105 bis 195 cm, bei Weibchen hingegen nur 95 bis 151 cm. Hinzu kommt der Schwanz mit einer Länge zwischen 60 und 97 cm…Pumas sind sehr beweglich und kräftig. Sie sind in der Lage, vom Boden aus bis zu 5,5m hoch in einen Baum zu springen…das Gewicht eines ausgewachsenen Männchens liegt bei bis zu 100 kg.“ lasen wir in einem Zusatz darunter. „Der Puma ist eine scheue Katze, die menschliche Nähe für gewöhnlich meidet und vor Menschen meistens flieht, dennoch kommt es gelegentlich zu Angriffen und Konflikten, z.Bsp wenn ein Puma Haustiere angreift…Opfer von Attacken gegen Menschen sind meistens Kinder, nur in Ausnahmefällen greift er Erwachsene an.“

Auch wenn die Beschreibung nicht unbedingt zu meiner Beruhigung beitrug, hatte bei den Mädchen eine plötzlich aufkeimende Begeisterung alle Angst ausgelöscht,

„Schon immer wollte ich mal einen Puma sehen!“ Emmas Augen strahlten und auch auf Paulas Lippen sah ich ein leichtes Lächeln. „Meinst du der ist noch da?“

Ich zuckte mit den Schultern, doch dann schüttelte ich überzeugt den Kopf.

„Bestimmt nicht, der hat sich aus dem Staub gemacht, als er Tom und mich gehört hat!“

„Können wir dann nochmal hoch laufen und nach Spuren suchen?“ Beide starrten uns bittend an und entsetzt schüttelte ich den Kopf.

„Aber doch zusammen…vor euch hat der ja Angst!“ Mit der unumstößlichen Logik meiner Tochter hatte ich es noch nie aufnehmen können, „und außerdem hast du gesagt der ist weg!“

Kurz darauf schlichen wir zum zweiten Mal durchs Gebüsch, dicht aneinandergedrängt und leicht gebückt wie eine Kampftruppe in Kriegsgebiet, nur Laika, unsere Herdenschutzhündin, die gemächlich neben uns trottete schien eher irritiert als alarmiert, mit einem verständnislosen Blick musterte sie unsere kleine „Truppe“ und wedelte mit dem Schwanz, wohl in der Hoffnung , wir hätten uns ein neues Spiel ausgedacht. Erst nach wenigen Metern hob sie die Nase und witterte, stürmte, ganz entgegen ihrer Art plötzlich nach vorne. Zusammen mit Tom erreichte sie als erste den Holzhaufen, sprang mit einem Satz um die aufgetürmten Scheite und schnüffelte über den Boden, bis auch wir endlich neben ihr standen. Doch vom Puma war nichts zu sehen. Kein Pfotenabdruck, kein Haarbüschel, es war fast so, als hätte er sich in Luft aufgelöst…und ehrlich gesagt war ich ihm dafür kein bisschen böse.

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2018-08-28T21:08:24+00:00
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