Zurück nach Norden, bis zum arctic circle…

Alaska, Dalton Highway, Meilenstand: 229.476

Der Schlamm spritzt und die Sicht ist schlecht, der Regen prasselt gegen unsere Frontscheibe und irgendwie habe ich das Gefühl ich hätte die Repeat-Taste gedrückt: Dalton Highway, Regen, Schlamm…

Ein Lkw kommt uns entgegen, mit einem Klatschen landet eine braune Fontäne auf den Küchenfenstern und im Inneren wird es noch eine Spur dunkler, durch die verklebten Fenster lässt sich kaum noch was erkennen. Trotzdem scheint dieses Mal alles um eine Kleinigkeit besser: die Straße ein wenig trockener, die Fahrspur um einige Zentimeter breiter, der graue Himmel eine Spur heller und unsere Laune um mindestens „eine Oktave“ höher.

Vor ein paar Tagen erst waren wir noch in die entgegengesetzte Richtung gefahren, hatten geplant anstatt den Norden Alaskas uns dem Süden zu widmen, wollten auf den Weg dorthin als erstes den Denali Park in Augenschein nehmen und doch  war alles wieder  ganz anders gekommen, als wir geplant hatten. Erschlagen von den Menschenmengen, Hotelketten und „Shoppingmeilen“ vor und im Park, hatten wir unseren Bus nach nur einer halben Stunde im Visitor Center kurzer Hand gewendet und waren geflohen. Geflohen von den vielen Touristen, dem falsch verstandenen Naturschutz und dem überquellendem Konsum und zurück in Fairbanks, wussten wir plötzlich was uns fehlte: Noch einmal Alaska erleben, unverfälscht und ohne Tourismusgedränge, Einsamkeit und Weite, Ruhe finden nach all dem Gedränge. Und was sollte da wohl besser geeignet sein, als der hohe Norden? Was einsamer als der schlammige, von allen als unattraktiv bezeichnete Dalton Highway, die einzige Verbindungslinie zwischen Ölplattform und Zivilisation?

Der nächste Lkw schrammt an uns vorbei und eine neue Fontaine klatscht gegen unsere Scheiben, doch der Regen scheint langsam zu versiegen. Aus Sturzflüssen werden Rinnsale, dann Bindfäden, dann ein stetiges Tropfen. Und endlich, als wir es schon kaum mehr für möglich gehalten hätten, bekommt das dichte Grau über uns plötzlich die ersten Risse und die Sonne wirft helle Strahlen auf die nasse Piste. Wälder ziehen sich über die Hügel, grün in grün über hunderte von Meilen, dazwischen nichts außer die graue Pipeline, die durch die riesigen Wälder kriecht, wie ein winziges verirrtes Würmchen, nichts als ein zittriger Strich zwischen den gewaltigen Wogen des unendlichen Waldes.

Fasziniert kriechen wir in Schrittgeschwindigkeit immer weiter nach Norden, lassen die Einsamkeit auf uns wirken, und genießen das Gefühl unser „Zuhause“ durch die unbeschreibliche Wildnis Alaskas zu lenken, fern ab von den Luxusdampfern, die regelmäßig die Küste mit Tourismusstürmen fluten, fern ab von Souvenirshops und überfüllten Campingplätzen.

Auf einem verlassenen Schotterplatz bei einer kleinen einsamen Kneipe verbringen wir unsere erste Nacht, bahnen uns einen Weg durch unwegsames Gestrüpp, laufen durch den feuchten Wald und dichtes Buschwerk. Und trotz Wildnis und Weite, treffen wir weder auf „Gevatter Bär“ noch einen heulenden Wolf, nur ein kleines, flauschiges Häschen hüpft um unseren Bus und frisst die letzten Spitzen frischen Grases, betrachtet erstaunt und ohne Scheu die schlammige „Fassade“ unseres fahrbaren Häuschens und verscheucht auch noch die letzten Reste unserer „Wildnis – Ängste“.

 

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